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Kugelgestalt der Zeit
Es handelt sich hier um eine musikalische Collage.
In der bildenden Kunst entsteht eine Collage durch das Aufkleben verschiedener Elemente, wie z.B. Ausschnitte von Gemälden, Fotos und gedruckte oder handgeschriebene Texte, auf eine Unterlage. Dies ergibt ein neues Kunstwerk aus bereits vorhandenem Material, in dem die Grenzen und Unterschiede zwischen den verschiedenen Elementen zum großen Teil sichtbar bleiben.
Scharfe Kontraste
In Analogie dazu fordert Zimmermann in der Partitur, am Anfang und am Ende der Zitate ohne „Übergang“ fortzufahren: Die Kontraste zwischen zitiertem und selbst geschaffenem musikalischen Material sollen hier nicht verschleiert werden. So beendet ein massiver Akkord in den Außenlagen der Tastatur die Zitatpassage des vorigen Abschnitts abrupt, und eröffnet damit eine kurze Episode, deren Tonvorrat auf die Grundreihe des Werks zurückgreift. Durch die maximale Dynamik con tutta forza sempre (durchgehend mit voller Wucht), die Verwendung aller Register und die statische, extrem dissonante Zwölfton-Harmonik entsteht tatsächlich ein maximaler Kontrast zum zuvor zitierten Material.
Überraschende Fortsetzungen
Aus dem Nachklang des gewalttätigen Ausbruchs schälen sich die nächsten Zitate heraus: Bachs Choralvorspiel Wachet auf, ruft uns die Stimme wird an dem Punkt fortgesetzt, an dem es zuvor unterbrochen wurde. Aus dem zweiten Satz von Messiaens L’Ascension wird nun aber der Beginn des Mittelteils zitiert, den eine Melodie des Englischhorns eröffnet. Zu den beiden parallelen Zitaten lässt Zimmermann hier nach und nach eine weitere Schicht hinzutreten: Leise und gleichmäßige, aber harmonisch irritierende Bassfiguren. Sie steigen auf, die Zitate erlöschen – und übrig bleibt ein körperloses, rhythmisch komplexes Gewebe, das bald zerfasert und in eine Generalpause mündet.
Nach dieser Pause heben nochmals Bachs Choralvorspiel und das Unisono-Thema aus Messiaens Alléluias sereins d’une âme qui désire le ciel an – letzteres wird dort fortgesetzt, wo es am Ende der ersten Zitatpassage unterbrochen wurde.
Die beiden Zitate laufen zeitlich unabhängig voneinander aus; am Ende des Bach-Zitats tritt zum ersten Mal die Mittelstimme des Choralvorspiels hinzu, die die ersten drei Noten der eigentlichen Choralmelodie vorstellt. Sie tragen den Text „Wa-chet auf“ – mit dieser ,Aufforderung‘ schließt der zweite Monolog.
Die Anlage der gesamten Collage des zweiten Satzes, deren drei Zitatpassagen durch zwei Unterbrechungen gegliedert werden, könnte vor dem Kontext des religiösen Hintergrunds der zitierten Kompositionen gedeutet werden: Nämlich als Analogie zum Wechsel zwischen der Anwesenheit und Abwesenheit Gottes auf Erden, der sich durch Jesu Geburt und Kreuzigung, die Auferstehung und die Himmelfahrt sowie das Eintreffen des Reich Gottes am Ende der Zeiten ergibt.
Die Zeit in unserer geistigen Wirklichkeit
Allgemeiner betrachtet hat Zimmermanns Collage hier den Effekt, den linearen Zeitverlauf der Musik zu durchbrechen und stattdessen den Eindruck von in unterschiedliche Richtungen verlaufenden Zeitströmen entstehen zu lassen. Die Einschübe zwischen den Zitatpassagen können beispielsweise als Zeitschleifen verstanden werden, die dorthin zurückführen, wo sie begonnen haben: Nämlich den jeweiligen Stellen in den Zitaten. Die Zitate selbst bilden dabei einen Fixpunkt, der immer wieder erreicht wird. Aber auch die große Differenz zwischen den Entstehungszeiten der zitierten Werke sowie Zimmermanns eigener Musik, die alle parallel bzw. miteinander verschränkt erklingen, stehen der Idee eines linearen Zeitverlaufs entgegen. Gerade darauf kam es Zimmermann an, denn er war der Überzeugung, dass der Mensch die Zeit auf ganz andere Weise wahrnimmt:
„Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind, wie wir wissen, lediglich in ihrer Erscheinung als kosmische Zeit an den Vorgang der Sukzession gebunden. In unserer geistigen Wirklichkeit existiert diese Sukzession jedoch nicht, was eine realere Wirklichkeit besitzt als die uns wohlvertraute Uhr, die ja im Grunde nichts anderes anzeigt, als dass es keine Gegenwart im strengen Sinne gibt. Die Zeit biegt sich zur Kugelgestalt zusammen.“

