Musikalische Collage

Bernd Alois Zimmermann ist bis heute für die musikalischen Zitatcollagen bekannt, die vor allem in seinen späteren Werken zu finden sind.

Wie in der bildenden Kunst besteht eine Collage in der Musik aus heterogenem, oft kontrastierendem Material. Sie kann Musikzitate aus beliebigen Epochen und Genres beinhalten, aber auch neu komponierte Musikabschnitte. Diese einzelnen Bestandteile werden häufig repräsentativ für bestimmte Ausdrucksformen bzw. Stilrichtungen eingesetzt und sollen diesbezüglich starke Assoziationen auslösen. Sie können auf die unterschiedlichsten Weisen arrangiert werden – aneinandergereiht oder sich überlagernd, mit scharfen Grenzen oder weichen Übergängen zwischen verschiedenen Ausschnitten – wichtig ist aber, dass das ursprüngliche Material erkennbar bleibt und die Kontraste zwischen den einzelnen Elementen nicht zu sehr verschleiert werden.

Ein frühes Beispiel: Strawinskys Ballettmusik

Schon im frühen 20. Jahrhundert experimentierten Komponist*innen mit solchen Collagen. Beispielsweise sind große Teile von Igor Strawinskys Ballett Pétrouchka (1911) derartig gestaltet: Um das Volksfest zu vertonen, auf dem die verschiedensten Akteure ihre Vorstellungen gleichzeitig darbieten – ein Mann an der Drehorgel, singende Kinder, eine Ballerina, ein Tanzbär, Volksmusikanten etc. –, komponierte Strawinsky für jedes dieser Ereignisse zunächst passende, fast plakative Musik, die vom Publikum leicht mit den jeweiligen Handlungen auf der Bühne in Verbindung gebracht werden kann. Das so entstandene Material arrangierte er anschließend kreativ, zum Teil auch in mehreren Schichten überlagert, sodass sich ein starker Eindruck vom chaotischen Treiben vermittelt. Im Einklang mit der Bühnenhandlung wird der Fokus im Laufe der Zeit auf verschiedene Akteure bzw. Ereignisse gerichtet, indem die entsprechende Musik in den Vordergrund, die übrigen Klänge in den Hintergrund treten. Dabei entstehen scharfe Kontraste zwischen den verschiedenen Tonarten, Metren und Instrumentierungen der einzelnen musikalischen Elemente; die Überlagerungen ergeben außerdem harmonisch und rhythmisch komplexe Strukturen, die weit in die Moderne weisen.

Zimmermanns Zitatcollagen

In den Dialogen findet sich die erste Collage in Zimmermanns Schaffen, die Musikzitate aus Werken anderer Komponisten enthält. Bei der Umarbeitung der Dialoge zu den Monologen fügte Zimmermann weitere Zitatcollagen ein – die erste davon, mit Musik von Bach und Messiaen, ist im zweiten Monolog zu finden. In späteren Kompositionen intensivierte er die Arbeit mit musikalischen Zitaten, wobei sich die Art der Einarbeitung und die Wirkung dieser Collagen zum Teil stark voneinander unterscheiden. Die Collage im zweiten Monolog ist beispielsweise durch Zimmermanns tiefen christlichen Glauben und den gemeinsamen theologischen Hintergrund der beiden zitierten Werke motiviert.

Parodien

Es liegt jedoch nahe, bekannte musikalische Zitate auch im Sinne einer Parodie zu kombinieren und zu verfremden. In dieser Hinsicht bildet Zimmermanns fünf Jahre nach den Monologen komponierte Ballettmusik Musique pour les soupers du Roi Ubu („Musik zu den Nachtmahlen des Königs Ubu“) einen Höhepunkt: Diese beruht auf einem absurden Drama von Alfred Jarry und ist nahezu vollständig aus musikalischen Zitaten zusammengesetzt, die aus einem Zeitraum von der Renaissance bis hin zu Stockhausen und Zimmermann selbst stammen. Viele davon, beispielsweise Les Toréadors aus George Bizets Oper Carmen und der Walkürenritt aus Richard Wagners Ring des Nibelungen, gehören heute zu den populärsten Melodien der klassischen Musik überhaupt. Sie sind beim Publikum mit starken Assoziationen an die jeweiligen Opernszenen verbunden, erinnern aber auch an deren vielfache Weiterverwendung in ganz anderem Kontext bis hin zu Werbe-Jingles. In Zimmermanns Ballettmusik hat ihr Auftreten – kombiniert mit der absurd-komischen, aber auch extrem bösartigen Handlung – einen Effekt von bissiger Satire.

Textcollagen

Zimmermann verwendete in einigen seiner Collagen nicht nur musikalisches Material, sondern auch Textausschnitte, die von Sprecher*innen vorzutragen sind. Ein Beispiel hierfür ist das Requiem für einen jungen Dichter, das ebenfalls wenige Jahre nach den Monologen entstand. Verschiedenste Textausschnitte aus der Bibel, literarischen Werken, philosophischen Abhandlungen und politischen Reden werden hier parallel vorgetragen, während die Musik teilweise ganz verstummt. Da die gesprochenen Texte die Musik zu dominieren scheinen, trägt das Requiem den ungewöhnlichen Untertitel Lingual. Die Kombination der verschiedenen Texte, die einander stark kontrastieren und teilweise direkt widersprechen, wirft tiefgreifende Fragen auf.

Die pluralistische Kompositionstechnik

Bei alledem spielen Zimmermanns Weltanschauung, seine philosophischen Gedanken und religiösen Überzeugungen eine Rolle. Insbesondere seine Vorstellungen von einer Vielfalt parallel existierender „Zeit- und Erlebnisschichten“ sowie von der „Kugelgestalt der Zeit“ führten ihn zur Entwicklung der pluralistischen Kompositionstechnik: Diese vereint Serialismus und Zeitschichtungsverfahren mit der Konstruktion von Collagen und der Integration von Zitaten. Er sah in ihr eine musikalische Analogie zur Diversität der realen Wirklichkeit:

Aus dieser Vorstellung von der Kugelgestalt der Zeit habe ich meine, von mir in Anlehnung an den philosophischen Terminus so genannte pluralistische Kompositionstechnik entwickelt, die der Vielschichtigkeit unserer musikalischen Wirklichkeit Rechnung trägt. Das bedeutet, rein kompositionstechnisch gesehen, dass aus einer für ein ganzes Werk oder für eine ganze Werkgruppe verbindlichen Tonhöhenkonstellation […] ein Proportionsgefüge von verschiedenen Zeitschichten abgeleitet wird, die auf der einen Seite in ihrer effektiven Zeitdauer auf das Strengste mit der erwähnten Tonhöhenkonstellation verbunden sind, auf der anderen Seite aber durch die Möglichkeit spontaner Einbeziehung von vergangener oder zukünftiger [!] Musik, von Zitaten und Zitatcollagen, sowie Collagen überhaupt, eine vor allem erlebniszeitliche Verschiebung erhalten […].“