Feux d’artifice
Prélude von Claude Debussy
Eine der ältesten Gattungen in der Tastenmusik ist das Präludium. Gemäß der eigentlichen Bedeutung des lateinischen Wortes bezeichnete es seit dem 15. Jahrhundert ein Vorspiel, das frei improvisiert oder in entsprechend improvisatorischem Gestus auskomponiert wurde. Es diente als Einstimmung auf ein weiteres Musikstück oder auch einfach zum Einspielen und Kennenlernen des Instruments. Bis zum Ende der Barockzeit wurden in ganz Europa zahllose solcher Präludien komponiert, und so frei wie dieser Titel verstanden werden kann, so breit ist das Spektrum all dieser Stücke in ihrer Struktur und ihrem Gestus. Am bekanntesten sind wohl die 48 Präludien aus Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier: Sie durchlaufen alle 24 Tonarten des Quintenzirkels, jedem folgt eine Fuge in der gleichen Tonart.
Préludes in der Romantik
Im Laufe des 18. Jahrhunderts kam das Präludium zunehmend aus der Mode; erst in der frühen Romantik wurden wieder Sammlungen von Präludien, nun meist französisch Préludes genannt, komponiert: Inspiriert vom barocken Vorbild handelte es sich um kurze Stücke, oft explizit als Vorspiele gedacht und improvisatorisch frei gestaltet, oft aber auch spektakulär virtuos, sodass die Grenzen zur damals ebenfalls populären Gattung der Konzertetüde verschwimmen. Frédéric Chopin schuf mit seinen 24 Préludes op. 28, die – ebenso wie Bachs Präludien – den Quintenzirkel vollständig durchlaufen, einen unvergleichlichen Höhepunkt: Es handelt sich um kunstvolle Charakterstücke, die auf engstem Raum extreme Emotionen entfachen. Neu ist, dass die einzelnen Préludes hier in ihrer Gesamtheit als Zyklus zusammenwirken und sich so jeweils in einen größeren Kontext einfügen. Bis ins 20. Jahrhundert folgten zahlreiche Komponist*innen Chopins Vorbild.
Assoziative Verbindungen
Claude Debussy komponierte ebenfalls 24 Préludes für Klavier, aufgeteilt auf zwei Hefte mit jeweils zwölf Stücken. Sie knüpfen allerdings nicht direkt an ein romantisches Vorbild an, sondern eher an die Cembalomusik des französischen Barock: Die Pièces de clavecin (Stücke für Cembalo) der alten Meister wie Jean-Philippe Rameau und François Couperin verbinden alte Tanz- und Variationsformen mit fantasievollen musikalischen Eingebungen. Originelle Titel, die den Stücken pointiert vorangestellt sind, schaffen assoziative Verbindungen von ,reiner‘ Tastenmusik mit außermusikalischen Phänomenen. Diese wiederum entdeckten die Komponist*innen des Impressionismus neu für sich, so gab auch Debussy seinen Préludes Titel – er setzte sie allerdings ans Ende der Stücke in Klammern: Sie sollen der Musik kein Programm aufprägen, sondern nur im Nachhinein den Höreindruck bestätigen oder eine zusätzliche Ebene von Assoziationen eröffnen.
Einige dieser Titel nehmen Bezug auf bestimmte Werke der Literatur und der Malerei, andere auf historische Zeugnisse längst vergangener Zeiten, viele entstammen aber einfach der Beobachtung natürlicher Phänomene. Die Beobachtung der Natur im weiteren Sinne war für Debussy eine besonders wichtige Inspirationsquelle:
„Die Musik ist eine geheimnisvolle Mathematik, deren Elemente am Unendlichen teilhaben. Sie lebt in der Bewegung der Wasser, im Wellenspiel wechselnder Winde; nichts ist musikalischer als ein Sonnenuntergang! Für den, der mit dem Herzen schaut und lauscht, ist das die beste Entwicklungslehre, geschrieben in jenes Buch, das von den Musikern nur wenig gelesen wird: das der Natur.“
Funken und Raketen
Das letzte der Préludes widmet sich einer zwar nicht natürlichen, dafür besonders spektakulären Erscheinung: Dem Feuerwerk, das schon zu Lebzeiten Debussys alljährlich am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, ausgerichtet wurde. Ein ganzer Strauß an pianistischen Gestaltungsmitteln – Tremoli, Arpeggien und Glissandi in den unterschiedlichsten Formen – vertont plastisch das Dampfen, Knistern und Funken Sprühen, bevor die Raketen leuchtend in die Höhe schießen. Hauptsächlich setzen sich diese Figuren zu unterschiedlich strukturierten Klangflächen zusammen; motivisch wird das Stück nur von einem einzigen kleinen signalartigen Motiv dominiert. Dieses erscheint immer wieder in unterschiedlicher Gestalt, wird selbst variiert und durch die untermalenden Klangflächen in verschiedene Stimmungen getaucht. Auf eine ruhigere Passage folgt eine turbulente Steigerung hin zu einem explosiven Höhepunkt, der das kleine Thema zur kraftvollen Fanfare anwachsen lässt. Diese bricht abrupt ab, schließlich endet das Stück mit zarten Erinnerungen an das Motiv und an die Marseillaise, die französische Nationalhymne.
Entgegen der Konventionen
Allerdings handelt es sich bei Feux d’artifice nicht, wie man vermuten könnte, um ein effektvolles Virtuosenstück in romantischer Tradition: Statt einen mitreißenden Spannungsbogen zu entwerfen, gestaltet Debussy ein modern anmutendes Mosaik aus Klangstrukturen und Farbflächen. Ganz im Sinne der für ihn typischen objektiv-beobachtenden Haltung werden Übergänge zwischen verschiedenen Stimmungen nicht in kontinuierliche dramatische Entwicklungen umgewandelt, selbst Steigerungen reißen meist unvermittelt ab. Zudem steht die Tendenz des Stücks, sich in seinem Verlauf zu beruhigen – die Höhepunkte werden zwar heftiger, aber kürzer und seltener – den üblichen Konventionen hinsichtlich einer gelungenen Spannungskurve entgegen. Die Harmonien des Stücks sind zwar größtenteils aus der romantischen Tradition bekannt, werden hier allerdings radikal aus ihrem kadenzharmonischen Beziehungsgefüge befreit und um scharfe Dissonanzen ohne Auflösung ergänzt. So entsteht ein Gegenentwurf zum romantischen Prélude, der Debussys kompositorische Errungenschaften in wenigen Minuten zukunftsweisender Musik zusammenfasst.
Schaue Vincent dabei über die Schulter, wie er Debussys innovative Darstellung des Feuerwerks auf den Klaviertasten umsetzt!
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