Jeux

Claude Debussys „getanzte Dichtung“

Im Jahr 1909 traten in Paris erstmals die Ballets Russes auf – ein Ballettensemble aus Sankt Petersburg, angeführt von einigen der damals renommiertesten Tänzer*innen, die die berühmte Kunst des klassischen russischen Balletts nach Frankreich bringen wollte. Mit spektakulären Aufführungen, die die neueste Musik mit originellen Choreografien und kunstvollen Bühnenbildern kombinierten, entwickelte sich die Kompanie in kürzester Zeit zu einer einzigartigen und höchst erfolgreichen Instanz im Pariser Kulturbetrieb. Für ihre Produktionen engagierte sie häufig bekannte Künstler*innen, beispielsweise Pablo Picasso. Noch wichtiger allerdings war die Zusammenarbeit den bedeutendsten Komponist*innen ihrer Zeit, bei denen die Kompanie regelmäßig neue Ballettmusikwerke in Auftrag gab.

Die Handlung

Eine solche Anfrage erreichte Claude Debussy im Frühsommer 1912. Dieser zeigte sich zunächst nicht begeistert, nahm den Auftrag aber schließlich an, offenbar schlicht aus finanziellen Gründen. Die Handlung, die dem Impresario Sergei Djagilew unter dem Titel Jeux (Spiele) vorschwebte, erscheint zunächst wenig gehaltvoll: Es geht um ein Tennisspiel in einem Park, eigentlich sogar nur um eine Unterbrechung des Spiels, in der zwei junge Frauen und ein junger Mann in der Dunkelheit einer Sommernacht nach dem Ball suchen. Bald beginnen sie mit kindischen Versteckspielen, bald auch mit gegenseitigen Annäherungsversuchen. Nachdem jede der beiden Frauen – zum Verdruss der jeweils anderen – mit dem Mann getanzt hat, versöhnen sich alle und lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Dies führt in einen ekstatischen Tanz und einen Kuss zu dritt am Höhepunkt des Stücks: Die sinnbildliche Verwirklichung einer unbefangen glücklichen Liebesbeziehung der drei Menschen, einer Ménage à trois. Doch sie werden von einem Tennisball unterbrochen, der von unbekannter Hand in die Szene geworfen wird; erschrocken entschwinden alle drei in die Dunkelheit.

Zauberhafte Atmosphäre mit kompositorischer Raffinesse

Debussy arbeitete zügig an Jeux, schon nach wenigen Monaten war die knapp zwanzigminütige Komposition fertiggestellt. Sie erhielt den Untertitel Poème dansé (getanzte Dichtung), ein Hinweis darauf, dass hier weniger die Handlung, sondern eher Stimmungen und Gefühle im Vordergrund stehen – und natürlich spielt dabei die Musik eine übergeordnete Rolle.

Auf eindrückliche Weise vermittelt sich musikalisch die zauberhafte Atmosphäre der lauen Nacht, die wenig ereignisreiche Handlung wird durch feine emotionale Nuancen belebt. Um dies zu erreichen, steigerte Debussy die Raffinessen seiner Kompositionsweise ins Extrem: Der Orchestersatz ist sogar für impressionistische Verhältnisse ungewöhnlich vielschichtig und differenziert, zahllose Takt- und Tempowechsel mit zusätzlichen agogischen Abstufungen werden bei der Aufführung zur Herausforderung. So gilt Jeux als Debussys komplexeste Partitur; es sollte sein letztes Orchesterwerk bleiben.

Ein enttäuschender Misserfolg

Bei der Uraufführung wurde das Werk allerdings nicht gut aufgenommen. Debussy hatte sich zuvor bereits von der Choreographie distanziert, die er für unästhetisch und der Musik nicht angemessen hielt. Das Publikum dagegen schien von der Musik kaum Notiz zu nehmen und spendete der gesamten Produktion wenig Zuspruch. Hinzu kam, dass die Ballets Russes nur zwei Wochen später erstmals Le Sacre du Printemps (Das Frühlingsopfer) von Igor Strawinsky (1881-1971) aufführten und damit einen gewaltigen Skandal auslösten, in dessen Schatten das Interesse an Jeux vollständig schwand. Der junge Strawinsky, der in den Jahren zuvor große Erfolge mit den Balletten L’Oiseau de Feu (Der Feuervogel) und Pétrouchka feiern konnte, war gut mit Debussy befreundet – seine Kompositionen aus dieser Zeit zeugen sogar von einem starken Einfluss seines älteren Kollegen.

Bis heute hat Debussys Jeux nicht die Bekanntheit der drei frühen Ballette von Strawinsky erreicht. Zimmermann aber zeigte große Faszination für das Stück. Dafür gibt es vielfältige Gründe, einer davon liegt mit Sicherheit in der einzigartig traumhaften Atmosphäre dieser Musik: Schließlich erklärte Zimmermann selbst die musikalische Erschließung des „Traum- und Trancehaften“ in den Monologen zu einer seiner kompositorischen Visionen. Auch in Johannes X. Schachtners Bearbeitung von Jeux für zwei Klaviere und Schlagzeug überträgt sich die surreale Aura des Originals – und wenn sie nicht mit dem Klangfarbenreichtum eines großen Orchesters mithalten kann, so werden hier dank der Transparenz der Besetzung die hintergründigen Strukturen der Komposition bis ins kleinste Detail hörbar. Erkunde ihre Tiefen gemeinsam mit uns, Christian Benning und Patrick Stapleton!

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