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Vertauschbarkeit der musikalischen Dimensionen
Während Klavier 1 sein Thema im 4/4-Takt weiterführt, setzt Klavier 2 etwas langsamer und im 3/4-Takt ein.
Diese Umstände bewirken schon nach kurzer Zeit eine metrische Verschiebung beider Stimmen gegeneinander, sodass die Taktschwerpunkte der Pianist*innen nicht mehr zusammenfallen. Eine Korrespondenz der beiden Stimmen besteht dennoch über den ähnlichen Tonvorrat, sodass sich Repetitionen nicht nur auf einem Instrument, sondern auch zwischen den beiden Flügeln ergeben.
Konstruierte Überlagerungen
Repetitionen spielen bereits zu Beginn des Abschnitts eine wichtige Rolle: Hier wird eine Note immer genau vier Mal in gleichmäßigen Abständen angeschlagen, dies findet vielfach auf verschiedenen Tonhöhen sowie in unterschiedlichen Notenwerten bzw. Tempi statt. So schichtet sich innerhalb von acht Takten ein Gebilde aus Überlagerungen auf, das alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter umfasst und jedem dieser Töne ein ,individuelles Tempo‘ zuordnet. Die serielle Konstruktion tritt hier offen zutage, Zimmermann verschleiert sie in keiner Weise durch rhythmische Abweichungen oder dynamische Variation. Das ohnehin schon komplexe Klangbild wird allerdings noch durch massive, fünf Oktaven umfassende Ellenbogen-Cluster in Klavier 2 verdichtet.
Diese strenge Konstruktion beruht auf einer engen Beziehung der musikalischen Parameter ,Intervall‘ und ,Zeit‘, die Zimmermann als natürlich gegeben ansah und für äußerst bedeutsam erachtete:
„Dieses selbst [das Intervall] kennen wir in zwei zeitlich voneinander verschiedenen Erscheinungsformen: im Nacheinander einer Tonfolge oder im Gleichzeitigen eines Zusammenklangs mehrerer Töne […]. Das Intervall ist also sowohl vertikal wie horizontal erlebbar. […] In der Möglichkeit der Projizierung des Intervalls, sowohl ins Vertikale als auch ins Horizontale, erscheint – vermöge der elementaren Beziehung von Intervall und Zeit – die Zeit auch in beide Richtungen projizierbar. So erleben wir Klang als ,Nacheinander‘ der Töne im Zeitabstand Null, Tonfolge als ,Gleichzeitiges‘ in der Zeit verschoben: Vertauschbarkeit der musikalischen Dimensionen, Identität des scheinbar Verschiedenen.“
Ein markantes Thema
Während das letzte Cluster verhallt, setzt sich die Wiederholung einer einzelnen Note – eines d² – über vier Anschläge hinaus gleichmäßig fort: Dies ist der Beginn des markanten ,Themas‘, das Klavier 1 solistisch vorträgt. Es wird durch einen immer wiederkehrenden dissonanten Akkord ergänzt; bald wird der Repetitionston gelegentlich durch benachbarte Noten ersetzt, die in immer größeren Abständen um das zentrale d kreisen. Im Bass setzt sich währenddessen das Prinzip der Wiederholung einzelner Noten in unterschiedlichen Tempi aus dem vorigen Abschnitt fort. Irgendwann setzt Klavier 2 wieder ein, wobei Tempo, Taktart und musikalische Substanz wie oben beschrieben mit Klavier 1 divergieren – dies erweckt zunehmend den Eindruck von Chaos.
Ablaufen der Zeit
Wie versprochen führen uns die Monologe nun wieder auf Zeitreise: Bei Sekunde 28 beginnt Klavier 1 erneut mit den bereits bekannten Vierergruppen von Repetitionen auf verschiedenen Tonhöhen in verschiedenen Geschwindigkeiten, diesmal korrespondiert sogar Klavier 2 mit einzelnen Sforzatissimi (d.h. sehr starken Betonungen) auf den gleichen Tönen. Die Komposition erinnert hier stark an die Passage am Anfang des Abschnitts, nun aber rückwärts gespielt! Die musikalische Umkehrung der Zeit gipfelt schließlich in gewalttätigen tiefen Tremoli, die ein Gefühl des schnellen ,Ablaufens von Zeit‘, wie bei einer Sanduhr, hervorrufen. Erfahre in Track 10, wohin uns diese Beschleunigung führt!

