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Zeitkunst

Das gesamte Solo besteht tatsächlich nur aus fünf unterschiedlichen Tönen: , , as², und .

Beim Blick in die Noten erscheint diese Passage auch in rhythmischer Hinsicht monoton: Es handelt sich einfach um eine gleichmäßige Kette von Achtelnoten. Diese wird allerdings zunehmend durch Vorschlagnoten angereichert, außerdem variiert die Reihenfolge der fünf vorkommenden Töne. Die rhythmische Flexibilität in der Aufnahme ergibt sich aus der Anweisung quasi rubato, und die staccato-Artikulation färbt den Charakter sogar humoristisch und freigeistig ein! Nach der rubato-Passage in Track 4 ist dies ein weiteres Beispiel für einen improvisatorisch freien Einschub, der auf dem einfachen Prinzip der Tonwiederholung basiert.

Kontraste und Korrespondenzen

Insgesamt setzt sich dieser Abschnitt intensiv mit den verschiedenen Facetten des Parameters ,Zeit‘ auseinander: Ab dem Einsatz von Klavier 2 ist die Musik wieder rhythmisch präzise organisiert und bildet einen Kontrast zum ersten, metrisch freien Teil. Schnelle Bassfiguren in Klavier 1 greifen zugleich auf den Tonvorrat des vorangegangenen Solos zurück. Dann beginnen die beiden Stimmen über einzelne Töne zu korrespondieren, die leicht versetzt oder sogar genau gleichzeitig auf beiden Instrumenten erklingen. Diese Bezüge der beiden Stimmen zueinander sind genauestens konstruiert: So endet beispielsweise bei Sekunde 25 ein Motiv in Klavier 1 auf einem Doppelgriff, den Klavier 2 daraufhin als Ausgangspunkt für den Krebs (d.h. die rückwärts gespielte Version) des gleichen Motivs verwendet.

Die Erlebniszeit

Der dabei entstehende Effekt des ,Vor- und Zurückspulens‘ offenbart sich beim Zuhören zwar nicht unbedingt bewusst, wirkt sich aber unterbewusst in besonderer Weise auf das individuelle Zeitempfinden aus. Dieser Aspekt der Komposition kann von verschiedenen Hörer*innen ganz unterschiedlich aufgefasst werden, ganz abgesehen von der Akustik des jeweiligen Aufführungsortes und der konkreten Interpretation. Zimmermann war sich dessen bewusst, in seinem Aufsatz „Intervall und Zeit“ unterschied er die „Erlebniszeit“ von der „objektiven Zeit“ und erwähnte „Gedanken über die Möglichkeiten der strukturellen Erfassung der sogenannten Erlebniszeit und den damit verbundenen Unsicherheitsfaktoren der Verhaltensweisen des Erlebenden, des Hörers also“.

Überwindung der Zeit

Allgemein beschrieb er die „Musik als ,Zeitkunst‘, als Kunst der zeitlichen Ordnung“, genauer:

„Die Musik wird wesentlich bestimmt durch die Ordnung des zeitlichen Ablaufes, in dem sie sich darstellt und in den sie hineingestellt ist. Darin liegt zugleich die tiefste Antinomie beschlossen, denn kraft höchster Organisation der Zeit wird diese selbst überwunden und in eine Ordnung gebracht, die den Anschein des Zeitlosen erhält.“

Bei aller Ordnung und Organisation mäandert die Zeitachse in den Monologen immer fantasievoller umher, und auch im folgenden Abschnitt sind einige interessante ,Zeit-Effekte‘ zu entdecken – Zimmermann lässt dich buchstäblich mit einer musikalischen Zeitmaschine reisen!