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Tonhöhe und Zeitdauer nach Schätzung

Zimmermann ergänzt die Linie um den Hinweis chromatisches Glissando (Tonhöhe und Zeitdauer nach Schätzung).

Die gezeichnete Linie gibt den ungefähren Verlauf des Glissandos vor:

Grafische Notation

Im Einführungstext zu den Monologen betonte Zimmermann: „Diese [die beiden Pianist*innen] haben Notenblätter vor sich, mit exakten Angaben, welche die Ausführung bis in die kleinste Einzelheit genau vorschreiben.“ Damit distanzierte er sich von Tendenzen seiner Zeitgenossen, zufällige Prozesse oder auch Entscheidungen der Ausführenden in Kompositionen zu integrieren. Besonders die radikalen Ideen des amerikanischen Komponisten John Cage erregten in den 1950er Jahren große Aufmerksamkeit und etablierten aleatorische, d.h. vom Zufall abhängige Prinzipien in der Musik. Dabei kam unter anderem grafische Notation zum Einsatz, die die herkömmliche Notenschrift ganz oder teilweise durch abstrakte, frei zu interpretierende geometrische Formen wie Punkte, Linien und Kurven ersetzte.

Freiräume und Unschärfen

Auch wenn Zimmermann nicht an die neuen Ansätze der Aleatorik anknüpfen wollte, nutzte er offensichtlich dennoch, zumindest in geringem Ausmaß, die Möglichkeiten der grafischen Notation: Neben der Glissando-Linie in diesem Abschnitt ist auch die space notation im zweiten Monolog bzw. Track 4 ein Beispiel dafür.

Die grafischen Darstellungen Zimmermanns sollen die Umsetzung zwar möglichst genau vorschreiben, trotzdem ergeben sich größere Freiräume als in herkömmlich notierten Abschnitten. Dies war dem Komponisten natürlich bewusst, allerdings sah er hier wahrscheinlich keinen wesentlichen Unterschied im Vergleich mit den ‚Freiheiten‘ bzw. ‚Unschärfen‘, die sich bei jeder menschlichen Aufführung ausnotierter Musikstücke ergeben. Gerade in der seriellen Musik, deren präzise Konstruktionen unmöglich in vollkommener Exaktheit realisiert werden können, offenbarte sich hier ein großes Problemfeld, und Zimmermann bemerkte resigniert: „Freilich gibt es keinen Zweifel darüber, dass der Komponist mit dem, was das leidige Wort ‚Zufall‘ beschreibt, zu tun hat.“

Konkrete Entscheidungen

Bei der Glissando-Linie ist beispielsweise eine Entscheidung zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Ausführung zu treffen: Zunächst würde man, wenn keine gegenteiligen Anweisungen in den Noten zu finden sind, von einer horizontalen Bewegung der ausgedrehten Hände auf der Tastatur ausgehen, bei der die Fingerspitzen mit Druck über die Tastatur gleiten. Sowohl aufgrund der Anmerkung chromatisches Glissando – ein solches ist mit den Fingern sehr schmerzhaft bzw. schwierig auszuführen – als auch der kurzen Dauer bzw. des hohen Tempos der Aktion haben wir uns allerdings dazu entschieden, hier die Unterarme einzusetzen. Diese können durch ein zeitlich versetztes Auftreffen auf der Tastatur – vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen – tatsächlich ein schnelles chromatisches Glissando erzeugen.

Die Wellenberge und -täler in der abgebildeten Linie entsprechen dabei den höchsten bzw. tiefsten vorkommenden Tönen, die vom Ellenbogen ,gespielt‘ werden. Die enorme dynamische Spannweite von fff bis pp kann auch mit den Unterarmen näherungsweise über die Anschlagsgeschwindigkeit gesteuert werden. Allerdings ist diese Glissando-Technik weniger gut kontrollierbar als das Spiel mit den Fingern, und ignoriert streng genommen, dass die geschwungene Linien hier parallel in zwei Notenzeilen abgebildet ist. Erinnerst du dich, wer von uns beiden das Unterarm-Glissando ausführt?