5

Musik über Musik

Hier erklingt Musik von Johann Sebastian Bach und Olivier Messiaen – und zwar gleichzeitig!

Zunächst beginnt der Abschnitt allerdings mit einer kurzen, seriell konstruierten Passage: Sie besteht aus weiten Akkorden und lebendigen Figuren, die auf einem eng begrenzten Tonvorrat basieren. Die Figuren, die Klavier 2 im ersten Takt vorstellt, beantwortet Klavier 1 im zweiten Takt mit ihrem Krebs (d.h. der rückwärts gespiegelten Version). Anschließend spielen beide Pianist*innen dasselbe Material gleichzeitig ,vorwärts und ,rückwärts.

Exemplarische Gegenüberstellung

Kurz darauf beginnt der Part des ersten Klaviers unvermittelt, das Choralvorspiel Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 645 von Johann Sebastian Bach zu zitieren. Der abrupte Einsatz tonaler Musik in gemäßigter Lautstärke steht im extremen Gegensatz zum vorangegangenen Abschnitt mit seinen scharfen Dissonanzen und großen dynamischen Kontrasten. Das zweite Klavier fügt dem Zitat zunächst nur eine Vorschlagfigur im hohen Diskant hinzu: Dabei handelt es sich um einen gebrochenen Zwölftonakkord, in dem jede der zwölf Noten mit einer individuellen Dynamik-Angabe versehen ist. Dieses charakteristische Element gilt als repräsentativ für die serielle Musik, die hier dem Bach-Zitat gegenübergestellt wird.

Religiöse Querbezüge

Kurze Zeit später aber setzt das zweite Klavier mit Musik von Olivier Messiaen ein – genauer, mit dem einstimmigen Hauptthema aus Alléluias sereins d’une âme qui désire le ciel („Fröhliches Halleluja einer Seele, die nach dem Himmel verlangt“), dem zweiten Satz aus Messiaens viersätzigem Werk L’Ascension („Die Himmelfahrt“). 

Dieses Thema und Bachs Choralvorspiel erklingen nun parallel, und zwar in ganz unterschiedlichen Tempi, die beide der den Monologen zugrundeliegenden Reihe von Tempowerten angehören. Bei beiden Stücken handelt es sich um Kompositionen für Orgel, und beiden liegt ein gemeinsamer Gedanke der christlichen Religion zugrunde: Die Frage nach der Ewigkeit und die Überzeugung, dass es ein Ende der Zeiten gebe, an dem das apokalyptische Weltgericht und die Wiederkunft Christi stehe. Der Zeitpunkt dieser „Apokalypse sei der Menschheit jedoch unbekannt. So heißt es in einer Rede Jesu über die Endzeit im Matthäus-Evangelium:

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“  (Mt. 24,35 f.)

Neue Ausdrucksformen

Der christliche Glaube spielte im Leben und Komponieren von Zimmermann insgesamt eine wichtige Rolle. Der überraschende und unvermittelte Einsatz der beiden Musik-Zitate an dieser Stelle könnte so interpretiert werden, dass Zimmermann hier eine musikalische Anspielung auf die Unvorhersehbarkeit des Endes der Zeiten kreiert. In der Vorlage zu den Monologen, den Dialogen für zwei Klaviere und großes Orchester, kommen diese Zitate übrigens noch nicht vor: Die Umarbeitung der Dialoge zu den Monologen fand in einer Schaffensphase statt, in der Zimmermann zunehmend an der Integration musikalischer Zitate in seine eigenen Kompositionen interessiert war und dabei mit ganz verschiedenen Möglichkeiten experimentierte. So wird in den Monologen – in Zimmermanns eigenen Worten – „in vielfältig verschachtelter Weise Musik über Musik gemacht“.