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Concreto

Hier kommen sowohl zahlreiche Cluster als auch vielfache Tonwiederholungen vor, und ein großer Teil des Abschnitts ist sogar metrisch frei notiert!

Der Beginn des zweiten Monologs ist besonders kontrastreich: Zunächst ändern sich fast in jedem Takt Tempo und klangliche Materie, innerhalb der ersten 16 Sekunden sind bereits drei Abschnitte der seriellen Zeitstruktur untergebracht. Eine Überlagerung verschiedener Metren bzw. Klangschichten findet hier jedoch nicht statt, stattdessen werden die Abschnitte auf engem Raum hintereinander gereiht. In jedem dieser Teile spielen Cluster eine wichtige Rolle.

Ein Phänomen der modernen Klaviermusik: Das Cluster

Ein Cluster ist ein dissonanter Akkord aus mehreren benachbarten Noten. Auf dem Klavier kommen in der Regel diatonische Cluster (d.h. nur Noten der C-Dur Tonleiter bzw. weiße Tasten), pentatonische Cluster (d.h. nur Noten der Ges-Dur Pentatonik bzw. schwarze Tasten) und chromatische Cluster (d.h. alle Noten der chromatischen Tonleiter bzw. weiße und schwarze Tasten) vor. Abgesehen davon ist ein Cluster nur durch die äußeren Rahmentöne festgelegt, zwischen denen möglichst alle Noten der jeweiligen Skala gleichzeitig erklingen sollen. Je nach Art und Umfang eines Clusters wird es meist entweder mit der Handfläche oder mit dem Unterarm gespielt. Diese Arten der Ausführung erlauben weniger Kontrolle über die präzise Tonhöhe und die Lautstärke der einzelnen Noten als das traditionelle Spiel mit den Fingerspitzen, damit erhalten Cluster einen gewissen Grad an Zufälligkeit – im Gegensatz zum Grundgedanken der seriellen Kompositionstechnik, der auf die perfekte Kontrolle aller Parameter der Musik abzielt.

Zimmermann verwendet in den Monologen ausschließlich chromatische Cluster – diese sind besonders dissonant, da sie ja alle Töne und Intervalle zwischen den Rahmennoten gleichzeitig beinhalten. Schon der erste Takt, der die ungewöhnliche Vortragsbezeichnung concreto (konkret, gegenständlich) trägt, beginnt und endet mit Handflächen-Clustern in schnellem Tempo und hoher Lautstärke. Ein massives Ellenbogen-Cluster des ersten Klaviers eröffnet den zweiten Takt bzw. den zweiten Abschnitt, der bereits eine neue Tempoangabe trägt. Dieser mündet in ein ebenso lautes chromatisches Cluster, das sich allerdings nur über eine Oktave erstreckt und, auf beide Klaviere aufgeteilt, mit den Fingern gespielt wird.

Wiederholungen einzelner Töne: Repetitionen

Schon nach sieben Sekunden beginnt dann der dritte Abschnitt, wieder in einem neuen Tempo: Leise (pp) und in kurzer Artikulation (quasi spiccato) spielen beide Pianist*innen zwei Takte lang ausschließlich die Note a! – allerdings in sieben verschiedenen Oktavlagen und komplexen Rhythmen. Damit bildet diese Passage einen extremen klanglichen Kontrast zu den vorigen zwei Teilen. Sie wird von zwei massiven Clustern und einer weiteren schnellen Repetition (d.h. mehrfache Wiederholung) der Note a unterbrochen, die von den beiden Klavieren unisono (übereinstimmend bzw. gemeinsam) ausgeführt werden. Danach läuft der Abschnitt in leisen Tremoli bzw. Repetitionen auf b und gis aus – interessant ist hier auch die italienische Vortragsbezeichnung bisbigliando (flüsternd), die normalerweise speziell für Harfen-Partien bestimmt ist. Abgesehen von den Clustern enthält der dritte Abschnitt nur die drei benachbarten Töne a, b und gis, und ist somit weit von der vollständigen Verwendung der Zwölftonreihe entfernt, die man hier im Sinne der seriellen Technik erwarten könnte.

Improvisatorische Freiheit: Metrisch ungebundene Notation

Auf diese rasante und zeitlich präzise koordinierte Abfolge kontrastierender Ereignisse folgt nun ein komplett gegensätzlicher Abschnitt, der mit tranquillo (ruhig) überschrieben ist. Er ist metrisch frei notiert, es existieren also weder Taktstriche noch klar definierte Notenwerte, sodass die zeitliche Ausgestaltung den Interpret*innen überlassen bleibt. Hier finden sich einzelne Töne und Vorschlagfiguren – kleine ,Aktionen‘, die sich die beiden Klaviere gegenseitig zuspielen, als würden sie spontan aufeinander reagieren. So entsteht der Eindruck einer freien Improvisation, in der die beiden Pianist*innen sich gegenseitig antworten und gleichzeitig eine gemeinsame Melodielinie spinnen. Kannst du verfolgen, wie diese Linie zwischen den beiden Klavieren hin und her springt?