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Kadenz im weitesten Sinne
Alle Antworten sind richtig – Pedal, Tonraum und das Verhältnis der beiden Parts zueinander werden in den zwei Teilen ganz unterschiedlich behandelt!
Im ersten Teil gibt es keine Hinweise zum Pedal, während im zweiten Teil Ped. giusto geschrieben steht – in unserer Interpretation kommt das Pedal im ersten Teil gar nicht, im zweiten Teil großflächig zum Einsatz. Das im ersten Teil verwendete Tonmaterial beschränkt sich in beiden Stimmen auf die Diskant-Lagen und bewegt sich tendenziell in aufsteigender Richtung; im zweiten Teil nutzt die Komposition permanent alle Register der Tastatur, und das auf beiden Instrumenten gleichzeitig! Allerdings bestreitet Klavier 2 dort zunächst eine Solo-Passage, erst später kommt Klavier 1 hinzu und bringt sich wieder gleichberechtigt in die gewaltigen Klangschichtungen ein. Im ersten Teil dagegen sind die beiden Stimmen absolut ausgeglichen: Dialogisch wechseln sie sich ab, fallen sich ins Wort, heizen sich gegenseitig an.
Extreme Verfremdung
Zu Beginn des Abschnitts verwendet Zimmermann übrigens bereits bekanntes Material aus dem vierten Satz, genauer Track 12: Die gleichmäßigen Bänder clusterähnlicher Akkorde, die dort einen zarten Klangteppich bilden, werden hier fast wörtlich wieder aufgegriffen. Allerdings ist diese Verwandtschaft schwer auszumachen: Nun ist die Kette in Segmente zerlegt, auf beide Stimmen verteilt und um weitere Akkorde angereichert. Die einzelnen Segmente überlagern sich gegenseitig, tragen – je nach Anzahl der Noten – unterschiedliche Tempi und stehen so miteinander im metrischen Konflikt. Am auffälligsten aber ist die Verfremdung durch Dynamik und Artikulation: Die Angabe pp misterioso e quasi di lontano (sehr leise, geheimnisvoll und wie aus der Ferne) weicht hier einem ff sempre e martellato (immer sehr laut und gehämmert) bis hin zum martellatissimo feroce (wild und heftig gehämmert). So verkehrt sich die zuvor traumhafte Klangfläche in einen Ausbruch von Hysterie und Chaos.
Hitziger Dialog
Das pausenlose Anknüpfen der beiden Stimmen aneinander sowie gleichzeitige Aktionen erinnern dabei an ein permanentes ,Sich-ins-Wort-fallen‘, eine hitzige Auseinandersetzung zwischen zwei kontrahierenden Parteien. Wieder einmal muss das Zusammenspiel hier genauestens organisiert sein, um reibungslose Übergaben zwischen den Parts in der enormen Geschwindigkeit zu ermöglichen. Die Passage erhält mit der aufstrebenden Tendenz des Tonmaterials, der zunehmenden Geschwindigkeit der einzelnen Segmente und der Verdichtung durch die Hinzunahme von Vorschlagakkorden eine dramatische Steigerung – bis der Tumult plötzlich abreißt.
Akrobatisches Finale
Diesmal währt die Stille nicht lange, nach einer kurzen Pause setzt Klavier 2 mit einem äußerst virtuosen Solo an. Bisher waren solche kadenzartigen Abschnitte immer dem ersten Klavier vorbehalten, umso akrobatischer gestalten sich die folgenden Takte voller komplexer Rhythmen und enormer Sprünge. Auffällig sind aber vor allem die zahlreichen Triller und chromatischen Glissandi: Zimmermann verlangt, die Glissandi „mit Handteller über schwarze und weiße Tasten“ auszuführen, aber auch, „Glissandi und Triller [ohne Unterbrechung] ineinander übergehen“ zu lassen – spektakuläre Effekte, die gerade in dieser Kombination schwierig zu realisieren sind. Sie erfordern nicht nur ein hohes Maß an Koordination, sondern auch detaillierte Überlegungen und kreative Ideen, die der bestmöglichen Realisierung des Notentextes dienen.
Ekstatischer Kraftakt
Bald stimmt Klavier 1 mit weiten Glissandi und Trillern ein. Diese spannen sich zwischen einzelnen Noten eines begrenzten Tonvorrats auf, der alle Register der Tastatur berührt. Durch Bewegungen der einzelnen Stimmen werden immer wieder einzelne Teile der vollen Zwölftonharmonie hervorgehoben. So eröffnet sich eine gewaltige Klanglandschaft, die statisch in sich zu ruhen scheint, deren Farben aber durch ständig wechselnde Belichtung changieren. Die Passage scheint nicht enden zu wollen – der pianistische Kraftakt (con tutta forza sempre) wird für Interpret*innen und Publikum gleichermaßen zur ekstatischen Erfahrung.
Doch schließlich bricht auch dieser Teil abrupt ab, wieder eine Generalpause – das Ende der ,Kadenz‘. Was könnte nun noch folgen?

