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Erscheinungen eines Traumes
Bei der Basslinie handelt es sich um eine Choralmelodie, nämlich um die ersten zwei Zeilen des gregorianischen Chorals Veni creator spiritus bzw. Martin Luthers deutsche Version Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist.
Dieser Choral wird als Cantus firmus (d.h. eine bekannte einstimmige Melodie, die in ein Musikstück eingeflochten ist, ohne selbst verändert zu werden) zitiert und nur auf weißen Tasten gespielt, somit ist er hier tonal ganz in C-Dur beheimatet. Die Basslinie ist rhythmisch gleichförmig notiert, alle Noten haben die gleiche Länge. Genau genommen weicht sie in der zweiten Choralzeile von der Vorlage ab und ist stattdessen identisch mit der zweiten Zeile des Luther-Chorals Gelobet seist du, Jesu Christ. Es ist unklar, ob Zimmermann diesen Wechsel beabsichtigte oder ob er die beiden Melodien aufgrund ihrer Ähnlichkeit miteinander verwechselte.
Gespenstische Klänge
Die einzelnen Bassnoten sind kurz (quasi pizzicato), nicht laut (mezzoforte) und durch Vorschläge in der Unteroktave ergänzt, bis auf die letzten drei Noten werden sie von Klavier 1 gespielt. Die erste Note fällt noch in die metrisch freie Passage am Beginn des Abschnitts und ist aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Lautstärke kaum hörbar. Mit der zweiten Note endet das massive Klangfeld und wird durch leise Glockenklänge abgelöst: Klavier 2 spielt in den hohen Registern gleichförmige Muster aus Zwölfton-Harmonien, die metrisch im Verhältnis 7:4 zueinander verschoben sind. Außerdem verdoppelt Klavier 2 die Basstöne des Cantus firmus in Klavier 1, allerdings sehr leise (ppp) und unter vollem Einsatz des rechten Pedals. Auf diese Weise wird die Basslinie um gespenstische Echo-Nachklänge bereichert.
Quasi Carillon
Die glockenartige Partie trägt die Anweisungen misterioso (geheimnisvoll) und quasi Carillon: Ein Carillon ist ein großes, oft mechanisch betriebenes Glockenspiel, das sich normalerweise in einem Kirchturm befindet. Die dynamische und rhythmische Gleichförmigkeit sowie die schwebend wirkende metrische Überlagerung simulieren tatsächlich den Klang eines mechanischen Carillons; dieser Eindruck wird durch die zahlreichen Dissonanzen aus kleinen Sekunden, großen Septimen und kleinen Nonen verstärkt, die in dieser hohen Lage den typischen Klang verstimmter Glöckchen zu imitieren scheinen. So entsteht eine mystische Atmosphäre, das Gefühl eines zeitlosen Trance-Zustands, der die Möglichkeit einer bewusstseinserweiternden Erfahrung bereithält…
Eine dynamische Collage
Als leise Vorankündigung mischt sich die Trillerfigur aus Jeux von Claude Debussy, die bereits am Anfang des fünften Monologs erschien, zweimal in die sphärische Klangfläche – nun bereits dezent um die originale Harmonie und den pizzicato-Bass ergänzt.
In einem dritten Anlauf setzt sich das Zitat durch, mit seinem lebhaften Charakter verdrängt es die Carillon-Klänge. Stattdessen beginnt parallel ein zweites Zitat: Eine virtuose Spielfigur aus dem ersten Satz des Klavierkonzerts in C-Dur KV 467 von Wolfgang Amadeus Mozart. Diese scheint das Debussy-Zitat zu überrollen, und bald tritt zusätzlich das markante Hauptmotiv des Satzes von Mozart hinzu – es markiert den Höhepunkt der Passage. Unmerklich setzt währenddessen ein weiteres Zitat aus Debussys Jeux an, das sich weiter entfaltet, während die Mozart-,Fetzen‘ nach und nach verklingen. Auch dieses letzte Debussy-Zitat verstummt bald, und übrig bleiben wieder Carillon-Klänge, die die letzten drei Bassnoten des Cantus firmus begleiten.
Fade-in und Fade-out
Diese Zitatcollage unterscheidet sich wesentlich von allen anderen, die bisher in den Monologen zu finden waren: Sie ist aus vier vergleichsweise kurzen Zitaten, zwei aus Mozarts C-Dur Konzert, zwei aus Debussys Jeux, zusammengesetzt. Diese sind so angeordnet und überlagert, dass Beginn und Ende der einzelnen Elemente kaum hörbar sind – stattdessen entsteht der Eindruck einer kontinuierlichen klanglichen Entwicklung, eines ,fade-in‘ und ,fade-out‘. Die Collage wird sogar streng symmetrisch auf- und wieder abgebaut: Das prägnante Kopfmotiv aus Mozarts Klavierkonzert bildet die zeitliche Spiegelachse und den Höhepunkt, an dem drei Zitate parallel erklingen. Der ganze Prozess findet in äußerst kurzer Zeit statt, so entsteht der Eindruck eines Strudels, der sich ebenso schnell auflöst wie er zuvor entstand. Zimmermann selbst forderte in einer Anmerkung zur entsprechenden Passage in den Dialogen: „Die Verbindung der 3 Zitate soll insgesamt unwirklich erscheinen, gleich den Erscheinungen eines Traumes.“
Mozart und Debussy
Doch es gibt auch eine Gemeinsamkeit mit früheren Zitatcollagen: Wieder wird deutsche bzw. österreichische mit französischer Musik kombiniert. Hier ist die Auswahl der Komponisten ganz besonders entscheidend, denn Zimmermann verehrte Mozart und Debussy wie keine anderen. Diese waren aus seiner Sicht die einzigen beiden „unableitbaren Fixpunkte“, um die herum sich die gesamte Musikgeschichte „in Cardanischen Kreisen“ drehe (dabei handelt es sich eigentlich um eine geometrische Konstellation zweier ,beweglicher‘ Kreise, die Mathematiker und Astronomen seit Jahrtausenden fasziniert). Die Collage in diesem Abschnitt bildet also einen ganz besonderen Höhepunkt in den Monologen, der zuvor bereits durch Veni creator spiritus angekündigt wird: Diesen Moment bezeichnete Zimmermann selbst als „beschwörenden Anruf“ des Schöpfergeistes, der mit Musik von Mozart und Debussy beantwortet wird.

