15
Verwirrende und verwirrte Fäden
Hier handelt es sich um ein doppeltes Zitat aus Claude Debussys Prélude
Feux d’artifice („Feuerwerk“).
Es erklingt nochmals die Passage, die am Beginn des vierten Monologs zitiert wurde, nun gepaart mit einem weiteren Abschnitt aus dem Prélude: Dieser folgt dort direkt auf den bereits bekannten Teil und stellt eine Art Variation dar. Hinsichtlich der Motive und Zeitstruktur ist er dem ersten Teil sehr ähnlich, er unterscheidet sich dagegen in der Harmonie und den verwendeten Registern. Nun liegen nämlich die wellenartigen Arpeggien im Bass und erzeugen so eine tiefe Sonorität. Der helle Oberton-Klang bzw. Dominantseptnon-Akkord, auf dem der erste Teil basiert, wird durch einen spannungsvolleren Vierklang ersetzt, der aus zwei Tritonus-Intervallen im Abstand einer großen Sekunde besteht.
Trancehafte Reminiszenz
Zimmermanns Überlagerung der beiden Teile hat einen interessanten Effekt: Die ,Arpeggio-Wellen‘ der beiden Teile haben jeweils die gleiche Länge und schwingen somit parallel im gleichen Metrum. Die signalartigen Motive dagegen, die in beiden Ausschnitten vorkommen, liegen metrisch versetzt zueinander – so scheinen sie sich in dieser Kombination gegenseitig zu beantworten. Die Harmonien der beiden Teile dissonieren zwar stark miteinander, insbesondere am Ende, wenn die Arpeggien im gleichen Register parallel abwärts geführt auslaufen. Durch die zeitliche Koordination, die sich ,automatisch‘ aus Debussys Vorlage ergibt, scheinen die zwei Klangfelder trotzdem miteinander zu verschmelzen. So wirkt das Zitat von Debussys Prélude nicht als Verfremdung, sondern als trancehafte Reminiszenz: Aus dem Rauschen des Klangstrudels kristallisieren sich starke Anklänge an Feux d’artifice heraus.
In der Zeitschleife
Plötzlich verstummen beide Partien. Abrupt fühlt man sich in die statisch-traumhafte Atmosphäre vom Beginn des fünften Monologs zurückversetzt: Zunächst erscheint ein Klanggebilde, das in sehr ähnlicher Weise bereits direkt vor dem Zitat, also am Ende von Track 14, aufgebaut wurde. Daran schließt sich wiederum eine statische Klangfläche an, die fast wörtlich der großen Klangfläche aus Track 14 entspricht. Das Debussy-Zitat wird damit zur ,Spiegelachse‘, an der sich der Zeitverlauf umkehrt. Der gesamte fünfte Monolog scheint bis zu diesem Punkt auf der Stelle zu treten, oder eine Zeitschleife zu durchlaufen. Das Zitat selbst aber verweist zurück in den vierten Monolog; so ergibt sich wieder ein komplexes Netz aus überzeitlichen Querverbindungen. Zimmermanns Überzeugung nach ist die Wahrnehmung solcher Verknüpfungen prägend für das Zeitempfinden und das Erleben einer vielschichtigen Realität:
„Es ist nicht an der Feststellung vorbeizukommen, dass wir mit einer ungeheuren Vielfalt von in verschiedenen Zeiten entstandenen Bildungsgütern einträchtig zusammen leben, dass wir gleichzeitig in vielen verschiedenen Zeit- und Erlebnisschichten existieren, von denen die meisten weder voneinander ableitbar erscheinen, noch miteinander zu verbinden sind, und doch sind wir in diesem Netz von vielen verwirrenden und verwirrten Fäden – sagen wir es ruhig: geborgen. Und so scheint ein besonderes Phänomen unserer Existenz darin zu bestehen, dass wir in der Lage sind, diese ungeheure Vielfalt ständig zu erleben, mit allen Veränderungen zu erleben, die dadurch eintreten, dass es immer wieder verschiedene Fäden sind, welche für den Bruchteil einer Sekunde miteinander verknüpft werden.“

