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…wachen Auges und versunkenen Ohres geträumt…

Die zarte Trillerfigur entstammt Claude Debussys Ballett Jeux, die chromatische Tonleiter ist als Zitat aus Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert in C-Dur KV 467 gekennzeichnet. Die vier lautstarken, schnell aufeinanderfolgenden Cluster danach sind dagegen kein direktes musikalisches Zitat.

Zitate oder musikalische Grundelemente?

Derart kleine musikalische Elemente zu zitieren ist ungewöhnlich, und ohne die Angabe der Quelle im Notentext wäre unmöglich zu erkennen, dass es sich hier überhaupt um Zitate handeln soll. Der Triller zumindest weist die Besonderheit auf, dass er im letzten Drittel seiner Länge um einen Halbton angehoben wird, bevor er wieder auf die Grundnote zurückfällt – ebenso wie in einer motivischen Streicherfigur aus Debussys Jeux. Die chromatische Tonleiter dagegen ist ganz allgemein ein Grundelement der westlichen Musik, die seit Jahrhunderten auf der zwölfstufigen Skala chromatischer Schritte basiert. Sie könnte zahllosen Werken des 18., 19. und 20. Jahrhunderts entstammen. Auffällig ist nur, dass Zimmermann in den Monologen abgesehen von Zitaten keine chromatischen Tonleitern verwendet; deshalb fällt diese Skala hier auf.

Ein statisches Klangfeld

Die zarte Atmosphäre wird kurzzeitig von der perkussiven Cluster-Aktion unterbrochen, die durch Ausführung mit Handflächen und Unterarmen große Wucht erhält. Sie bildet das Tor zu einem neuen Klangraum: Eine statische Klangfläche, die aus schnellen Läufen in wellenartigem Auf und Ab besteht, sowie einem langsam repetierten Einzelton darüber und einem einzelnen tiefen Basston, der über die gesamte Dauer resoniert. Alle Elemente sollen pppp, senza crescendo ed espressione (extrem leise, ohne Lautstärkeänderung und ohne Ausdruck) gespielt werden.

Der Abschnitt ist metrisch nicht fixiert, nicht einmal die Anzahl der Wiederholungen der Läufe sowie des Einzeltons ist festgelegt. Stattdessen sollen die Kaskaden „so schnell wie möglich“ ausgeführt werden, und zwar über eine Gesamtlänge von etwa 20 Sekunden. Die Idee, beim Komponieren mit absoluten Zeitdauern von Klangfeldern anstelle eines Metrums zu arbeiten, etablierte sich erst um 1950.

Nebel und Aura

Dass das statische Klangfeld eine traumhafte Atmosphäre erzeugen soll, wird schon an der ungewöhnlichen Vortragsbezeichnung fantasioso molto (sehr fantasievoll) ersichtlich: Diese ist eigentlich eine Bestätigung des sich ohnehin ergebenden Effekts. Und auch schon zuvor scheint die Musik von einer starken Aura umgeben zu sein. Unter anderem wird dies, wie von Zimmermann gewünscht, durch den intensiven Gebrauch des rechten Pedal erreicht: Je länger es durchgängig gehalten wird, desto mehr verschwimmen aufeinanderfolgende Noten und Harmonien zu einem Klangnebel. Hinter diesem Schleier klingen die zarten Figuren der winzigen Zitate entfernt und unwirklich. So regen sie dazu an, assoziativ zu hören, und erwecken Vorahnungen auf kommende Ereignisse: „Dialoge über die Zeiten hinweg von Träumenden, Liebenden, Leidenden und Betenden, […] Träume wachen Auges und versunkenen Ohres geträumt, Ahnungen von Unwiederbringlichem…“