Bernd Alois Zimmermann

gilt heute als einer der bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Zu seinem höchst individuellen Stil fand er auf außergewöhnlichen Wegen.

Erst verhältnismäßig spät fand Zimmermann zu seiner Berufung als Komponist: Das dritte Reich und der zweite Weltkrieg überschatteten prägende Jahre seiner Schul- und Studienzeit und verstellten den Zugang zu den rasanten Entwicklungen der internationalen Musikwelt. So begann der literarisch und philosophisch bereits hoch gebildete Student seine kompositorische Ausbildung zunächst vor der Perspektive des Neoklassizismus, mit Vorbildern wie Paul Hindemith und Igor Strawinsky. Das Schreiben von Hörspielmusik wurde für ihn bald zur wichtigen Einnahmequelle, aber auch zu einem fruchtbaren Experimentierfeld.
Wichtigstes Forum für zeitgenössische Musik im Nachkriegsdeutschland waren die Darmstädter Ferienkurse, die von Komponist*innen aus aller Welt besucht wurden. Dort kam Zimmermann in Kontakt mit seriellen Kompositionstechniken, die er nach und nach in sein eigenes Schaffen integrierte. Den Ausschließlichkeitsanspruch des Serialismus, den jüngere Komponist*innen wie Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen formulierten, stellte er jedoch infrage. Seine bemerkenswerte ,Zeitphilosophie‘ führte ihn schließlich zur neuartigen „pluralistischen Kompositionstechnik“…

Schulbildung

Zimmermann wurde am 20. März 1918 in Bliesheim geboren und wuchs im ländlich-katholischen Milieu der Eifel auf. Sein Vater war Beamter bei der Reichsbahn und betrieb im Nebenerwerb Landwirtschaft. Ab 1929 besuchte Bernd Alois Zimmermann die katholische Privatschule im Kloster Steinfeld, wo er sich erstmals systematisch mit Musik auseinandersetzte und den Grundstein für seine enorme literarische Bildung legte.

Als 1936 die Privatschulen in Deutschland von den Nationalsozialisten geschlossen wurden, wechselte Zimmermann auf ein staatliches katholisches Gymnasium in Köln, wo er 1937 das Abitur ablegte. Im selben Jahr leistete er den Reichsarbeitsdienst ab und schrieb sich an der Hochschule für Lehrerausbildung in Bonn ein.

Angehender Komponist

Eigentlich wollte Zimmermann Theologie studieren, begann aber dann im Wintersemester 1938/39 das Studium der Schulmusik, Musikwissenschaft und Komposition an der Hochschule für Musik Köln. 1940 wurde er zur Wehrmacht einberufen, aus der er im Herbst 1942 wegen einer schweren Hautkrankheit aufgrund einer Kampfmittelvergiftung entlassen wurde.

Er nahm das Studium wieder auf, dessen Abschluss sich durch Kriegswirren bis 1947 verzögerte. Inzwischen war er bereits als freischaffender Komponist tätig, zunächst arbeitete er überwiegend für den Rundfunk. Von 1948 bis 1950 nahm er an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, von 1950 bis 1952 war er Lektor für Musiktheorie am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln.

In diesen und den folgenden Jahren machte er sich mit Werken wie dem Violinkonzert, dem Trompetenkonzert Nobody knows de trouble I see und den Perspektiven für zwei Klaviere einen Namen als einer der führenden Komponisten im Nachkriegsdeutschland. Daneben sicherte er sich mit dem Schreiben von Musik für zahllose Hörspielproduktionen seinen Lebensunterhalt. Seit 1950 war er mit Sabine Zimmermann (geb. von Schablowsky) verheiratet, aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.

Bedeutende Werke

1957 erhielt Zimmermann ein Stipendium der Deutschen Akademie Villa Massimo für einen Studienaufenthalt in Rom; 1958 wurde er als Professor für Komposition an die Kölner Musikhochschule berufen, wo er das Seminar für Bühnen-, Film- und Rundfunkmusik begründete. In dieser Zeit komponierte er u.a. seine – zunächst als ,unaufführbar abgelehnte – Oper Die Soldaten (1957-1965) sowie die ähnlich kritisch beurteilten Dialoge für zwei Klaviere und großes Orchester (1960). Mit diesen Werken entwickelte er seine „pluralistische Kompositionstechnik“, die durch die Verbindung serieller Konstruktionen mit dem Prinzip der Überlagerung mehrerer Zeitschichten sowie der Integration von Zitatcollagen gekennzeichnet ist. 1964 erhielt er ein zweites Stipendium der Villa Massimo, in der er die Dialoge zu den Monologen für zwei Klaviere umarbeitete. Kurz darauf erfolgte die Uraufführung von Die Soldaten; zahlreiche Auszeichnungen dokumentieren die Anerkennung, die Zimmermann nun für sein Schaffen erhielt.

Letzte Jahre

In den folgenden Jahren verstärkte sich jedoch das Augenleiden, das ihn von seiner Kindheit an begleitet hatte und ihm nun das gewohnte Arbeiten mit der Musik zunehmend erschwerte. Ab Dezember 1969 verbrachte Zimmermann wegen einer bipolaren manisch-depressiven Störung ein halbes Jahr in der psychiatrischen Abteilung der Kölner Universitätsklinik. Immer länger anhaltende depressive Tendenzen führten zu einer psychischen Krise, hinzu kam das sich schnell verschlimmernde inoperable Augenleiden. Seine Feststellung „Ich kann nicht mehr komponieren!“ war ein Aufschrei in auswegloser Lage. Am 10. August 1970 nahm sich der Komponist mit einer Überdosis Tabletten das Leben. Er wurde nahe Köln auf dem Friedhof Königsdorf Süd beigesetzt.

Einblick in eine komplexe Gedankenwelt

Christliche Religion und katholische Erziehung hatten Einfluss auf Zimmermanns Denken und Wirken: Sichtbares Zeichen ist die Buchstabenfolge O.A.M.D.G. (Omnia ad maiorem Dei gloriam, d.h. Alles zur größeren Ehre Gottes), die er an das Ende jeder Partitur setzte.

Er verfasste selbst zahlreiche Aufsätze, die Einblick in seine Gedanken über verschiedenste Aspekte von Musik – und damit die Grundlage seiner eigenen kompositorischen Arbeit – gewähren. Zum Teil spiegeln sie seine kompositorische Entwicklung wieder, thematisieren Einflüsse wie seine Begeisterung für den Jazz und die Musik Girolamo Frescobaldis ebenso wie sein ambivalentes Verhältnis zur seriellen Musik und der radikalen Avantgarde der „Darmstädter Schule“ gegenüber. Immer wieder drehen sich abstrakte philosophische Betrachtungen um einen vielschichtigen Zeitbegriff, der sich jeder Charakterisierung zu entziehen scheint: Sie zeugen von Zimmermanns besonderer Faszination für die Frage nach dem Wesen der Zeit, die sich maßgeblich in seinen kompositorischen Errungenschaften, insbesondere der pluralistischen Kompositionstechnik, niederschlägt.

Vom Handwerk des Komponisten

Im 1968 entstandenen Aufsatz Vom Handwerk des Komponisten vermittelte Zimmermann die minutiöse Genauigkeit, mit der er beim Komponieren vorging – und, dass deren rationale Überlegungen trotzdem auf das fruchtbare Zusammenspiel mit schöpferischer Inspiration angewiesen waren:

„Bei der Schaffung von Musik zeigt sich immer wieder, dass dabei Fakten hinzutreten, die sich, wie wir zugeben müssen, in zum Teil weitgehenden Umfange einer wie auch immer gearteten dinglichen Vorausberechnung entziehen, die sich, bisher jedenfalls, der forschenden Frage nach ihrem Entstehen weitestgehend verschließen, letztlich in einem Bereich angesiedelt sind, der ebenso vorhanden wie unfassbar ist.

In dem immer wieder aufs neue wunderbaren Phänomen der Kommunikation bei der Vorstellung von Musik werden wir Zeuge der musikalischen Verwandlung, in der Musik in ihrer eigentlichen Gestalt wahrnehmbar und erlebbar wird.


Das Kom-ponieren, das Zusammensetzen, das Machen also von Musik als rein handwerklicher Prozess hingegen – hier sei das Wort »handwerklich« mit aller Bewusstheit gesetzt – bedeutet im strengen Sinne zunächst nichts weiter als Ordnung schaffen im musikalischen Material, einen Rechenschaftsbericht über die kompositorischen Unternehmungen des Werkes vorlegen.

So erscheint ein musikalisches Werk gewissermaßen in doppelter Gestalt: einmal in seiner akustischen Beschaffenheit und ein andermal zugleich in seiner Erlebnisgestalt, wenn dieses Wort erlaubt ist. Erst in der Verschmelzung beider Gestalten wird das immer wieder erstaunliche Phänomen des musikalischen Organismus, der mehr ist als die Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung, zum Ereignis.

Wie denn, liebe Freunde, werden musikalische Organismen gebildet? Durch das Zusammenwirken scheinbar so entgegengesetzter geistiger Kräfte wie der Kalkulation und der – scheuen wir uns nicht vor dem Wort: Inspiration. So gewiss es ist, dass mit fast pedantischer Akribie und nahezu wissenschaftlicher Gründlichkeit die Wege geebnet und geplant werden müssen, die zu dem Punkt führen, an dem der Blitz der musikalischen Erkenntnis die Richtigkeit der kompositorischen Unternehmung erhellt, so gewiss ist es jedoch auch, dass eine durchdachte musikalische Struktur allein die geistige Kraft und Lebendigkeit eines Werkes nicht garantiert.“

Aus: Vom Handwerk des Komponisten, B. A. Zimmermann (1968)

In Zimmermanns Worten…

Alle Zitate auf unserer Website stammen, soweit nicht anders vermerkt, aus Zimmermanns eigenen Aufsätzen:

  • Mozart und das Alibi (1955)
  • Intervall und Zeit (1957)
  • Über die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der ,bösen neuen‘ und der ,guten alten‘ Musik. Ein Streitgespräch unter Musikstudenten (1963)
  • Vom Handwerk des Komponisten (1968)
  • Werkeinführungstexte zu den Dialogen und den Monologen

Auch die Titel der Tracks sind Zimmermanns persönlichen Formulierungen entnommen. Die Informationstexte stützen sich neben unseren eigenen Erfahrungen auf Ralph Palands tiefgehende Analyse der Dialoge und der Monologe in „Work in Progress und Werkindividualität. Bernd Alois Zimmermanns Instrumentalwerke 1960-1965“.

Wir danken der Bernd-Alois-Zimmermann-Gesellschaft für ihre Unterstützung.