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Neue musikalische Wirklichkeit
Tempo und Dynamik entsprechen hier genau den Angaben am Anfang des Balletts Jeux von Claude Debussy, der hier zitiert wird.
Auch die unwirkliche Atmosphäre und den scheinbar weit entfernten Klang hat diese letzte Zitatcollage mit dem zart schwebenden Beginn von Jeux gemeinsam. Hier in den Monologen hat dies die Wirkung einer Reminiszenz, einer traumhaften Erinnerung an vergangene Höhepunkte des Werks: Einerseits die markante motivische Passage im dritten Monolog (Track 9), die sich aus den klanggewaltigen Zeit- und Intervallschichtungen herauskristallisierte und anschließend wieder im apokalyptischen Chaos versank. Andererseits die große, raffiniert konstruierte Zitatcollage im fünften Monolog (Track 18 und Track 19), die auf verschiedene Weisen Mozarts Klavierkonzert in C-Dur KV 467 und Debussys Jeux miteinander verflocht.
Eine musikalische Utopie
Anders als in den früheren Collagen erklingen die drei Zitate hier nicht nur auf demselben dynamischen Niveau, sondern sogar im gleichen Tempo: Die Zitate von Mozart sowie aus dem dritten Monolog sind stark verlangsamt und so an den Beginn von Jeux angeglichen. Es gibt also ein extrem langsames, aber doch deutlich erkennbares Grundmetrum, das so gleichmäßig und ungestört schwingt wie nirgends sonst in den Monologen! Damit wird diese Passage zum finalen Ruhepol, die Zitate sind endlich miteinander ,in Einklang‘ gebracht. Es ist auch das einzige Mal, dass Zimmermann Musik aus den Monologen selbst wieder aufgreift und in eine Zitatcollage einbezieht. So realisiert er hier nochmals, und noch radikaler als je zuvor, seine Vision von der „Utopie der Verbindung bisher für getrennt gehaltener Zeitverläufe“.
Zwölftonmusik im Zeitraffer
Die traumhaften Klänge der Zitatkombination laufen aus, es ist sogar ritardando (langsamer werden) notiert – eine Anweisung, die eigentlich viel mehr in der romantischen Musiktradition als in der zeitlich präzise organisierten seriellen Musik verwurzelt ist.
Doch dann fällt plötzlich ein lautes Klirren in die geheimnisvolle Ruhe ein: Vier kleine Figuren, gespielt von den vier Händen der Pianist*innen, werden jeweils fünf- bzw. sechsmal in gleichmäßigen Abständen wiederholt. Da sie versetzt auftreten, ergeben sie gemeinsam eine regelmäßige motorische Bewegung, die alle zwölf Töne der chromatischen Skala enthält. Durch die hohe Lage, die scharfen Dissonanzen, das sehr schnelle Tempo und die extreme Lautstärke – Prestissimo (so schnell wie möglich), con tutta forza (mit aller Kraft), martellatissimo (so stark gehämmert wie möglich) – entsteht der Eindruck, Zwölftonmusik ,im Zeitraffer‘ zu erleben.
Drei massive Akkorde beenden das Stück: Der erste ist der Allintervall-Akkord, der gerade der Grundreihe der Monologe entspricht. Dann erklingt ein weit ausladendes Ellenbogen-Cluster des zweiten Klaviers, während das erste Klavier durch stummes Anschlagen und Halten desselben Clusters anschließend für Resonanz sorgt. Und nach einer Fermate (Innehalten) folgt schließlich ein weiterer systematisch geschichteter, extrem laut und kurz gespielter Zwölftonakkord. Mit ihm reißen alle zuvor gehaltenen Resonanzen ab, und spannungsvolle Stille legt sich als letzter Klang der Monologe über das Publikum. Zeit, um das Gehörte auf sich wirken zu lassen!
Eine neue musikalische Wirklichkeit
Zimmermann verfolgte mit den Dialogen bzw. Monologen das „Ziel einer neuen musikalischen Wirklichkeit, welche […] über das Erklärbare, das Sagbare, das irgendwie Auszumachende, die Faktur schlechthin hinausreicht und Serielles, Tonales in Zitaten, Jazz und Vierteltöne in die lebendige Einheit des musikalischen Organismus, in seine widerspruchsvoll einheitliche Gewachsenheit hinüberführt“. Gemeinsam haben wir diese ,neue musikalische Wirklichkeit‘ intensiv erlebt, den ,musikalischen Organismus‘ der Monologe genauestens erkundet. Nun können wir ihn in seiner vollen Größe bewundern!
