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Intervall und Zeit
Metrische Freiheit ebenso wie Resonanz durch langes Aushalten des rechten Pedals stehen in großem Kontrast zur vorherigen Passage.
Befreiung der Musik
Auch die Behandlung der Dynamik unterscheidet sich, allerdings umgekehrt: In Track 16 wurden so viele verschiedene Lautstärkegrade wie möglich präzise ausdifferenziert, dagegen ist hier pauschal eine sehr laute Dynamik (fff, con tutta forza sempre) vorgeschrieben, die in keiner Weise variiert. Auch der Kontrast im verwendeten Tonmaterial wird gleich zu Beginn exponiert: Ein tiefes Bass-Cluster und ein Zweiklang im hohen Diskant, der als Teil eines weit aufgefächerten Neuntonakkords wirkt, eröffnen den Abschnitt in den extremen Außenlagen des Instruments. Die Resonanz der einzelnen Aktionen im Pedal, insbesondere der Bass-Cluster, erzeugen Assoziationen von Weite und ,Befreiung‘ aus dem maximal eng konzentrierten klanglichen Fokus der vorigen Passage. Dieser Eindruck wird durch die Vortragsbezeichnung tranquillo (ruhig) sowie durch die freie Behandlung des Rhythmus verstärkt: Zimmermann verwendet hier zunächst space notation, d.h. die Tonlängen sollen entsprechend der grafischen Abstände voneinander ausgeführt werden – Notenwerte gelten nur als Andeutungen.
Trennung des Untrennbaren
Tatsächlich bildet dieser Abschnitt nicht nur klanglich einen maximalen Kontrast zum vorigen Teil, sondern innerhalb der seriellen Konstruktionen ein echtes Gegenstück: Die serielle Organisation betrifft hier ausschließlich den Tonvorrat – genau der Parameter, der in Track 16 außen vor gelassen wurde. Dort wurde das serielle Prinzip nicht auf Tonhöhen und Intervalle, sondern auf die Tempi der verschiedenen ,Impulsketten‘ angewandt, die sich ausschließlich durch Dynamik und Artikulation voneinander differenzierten. Dadurch ergab sich ein strenges metrisches Raster und komplexe rhythmische Strukturen.
Hier dagegen wird der Rhythmus bewusst frei behandelt und der seriellen Kontrolle ,entzogen‘, Dynamik und Artikulation werden nicht variiert und so als Gestaltungsparameter ausgeklammert. Auch wenn Zimmermann in seinem Aufsatz „Intervall und Zeit“ die untrennbare Beziehung zwischen diesen beiden Parametern als Grundlage der Musik erörterte, so schuf er hier eine kompositorische Gegenüberstellung, die Zeit und Intervall in der größten denkbaren Weise voneinander separiert.
Herausforderung des Dialogs
Der Abschnitt wird vom ersten Klavier allein eröffnet; die zweite Stimme fügt erst später einzelne Noten bzw. Cluster hinzu, die mit Aktionen im ersten Klavier korrespondieren. Trotz des rhythmischen Freiraums sind die beiden Stimmen klar aufeinander abgestimmt, die Vertikale in der Anordnung des Notenbildes sowie lange Notenhälse über alle sechs Systeme definieren die zeitliche Abfolge. Eine Besonderheit bilden hier Vorschlagnoten in einer Stimme, die zu einer Hauptnote im anderen Part führen sollen: Diese stellen besondere Herausforderungen im Zusammenspiel dar und setzen eine genaue Kenntnis der jeweils anderen Stimme voraus. Gelingt die Koordination, so entsteht ein improvisatorischer Dialog, in dem die beiden Stimmen spontan aufeinander reagieren und sich gegenseitig beantworten.
Im weiteren Verlauf wird das Klangbild dichter, und Zimmermann geht wieder zu konventioneller, rhythmisch fixierter Notation über. Die rhythmischen Strukturen sind hier allerdings so komplex und vielfältig, dass die metrische Organisation von außen kaum nachzuvollziehen ist. Diese zwei streng notierten Takte bilden aber ohnehin nur die Brücke zum nächsten metrisch freien Teil, der ein Gipfeltreffen von gleich mehreren prominenten Komponisten einleitet…

