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g-Zeiten
Die zarte Resonanz wird durch stumm gedrückte Handflächencluster erzeugt, die über die ganze Passage gehalten werden.
Elektronische Unterstützung ist insgesamt nicht für die Aufführung der Monologe notwendig, und der Effekt des rechten Pedals wäre bei Weitem zu stark: Schließlich ist der klangliche Fokus hier ganz auf einen einzigen Ton gerichtet, das g. Von beiden Klavieren wird es insgesamt 94 Mal gespielt, dabei scheint die Folge dieser Anschläge metrisch komplett irregulär. Sie treten in neun verschiedenen Lautstärkegraden von extrem leise (ppp) bis extrem laut (ffff) auf, jede Note ist individuell mit einer eigenen Dynamik-Angabe ausgestattet. Zusätzlich trägt jede Note auch ein eigenes Akzent- bzw. Artikulationssymbol, nämlich einen tenuto-Strich (breit), einen staccato-Punkt (kurz), einen staccatissimo-Keil (sehr kurz), ein marcato-Dach (scharf hervorgehoben) oder ein gewöhnliches Akzentzeichen. Praktisch sind die Kombinationen dieser Anweisungen unmöglich so umsetzbar, dass alle Differenzierungen perfekt hörbar werden. Dennoch verlangt Zimmermann explizit, die Passage „streng in Tempo und Dynamik“ auszuführen.
Ein musikalisches Rätsel
Insgesamt sticht der Abschnitt deutlich aus dem klanglichen Rahmen des fünften Monologs heraus, auch optisch fällt er bei Betrachtung der Partitur sofort ins Auge. Offensichtlich wird hier der Aspekt der Tonwiederholung, der zuvor bereits öfter hervorgehoben wurde, ins Extrem gesteigert. Was aber steckt hinter dieser obsessiven Konzentration auf einen einzigen Ton, dem scheinbaren metrischen Chaos und Zimmermanns Bestehen auf einer Ausdifferenzierung verschiedenster Lautstärkegrade, deren praktische Realisierung ans Unmögliche grenzt?

Bei genauer Untersuchung fällt auf, dass Noten, deren Dynamik- und Artikulationssymbole übereinstimmen, meist in regelmäßigen Abständen aufeinander folgen. So trägt das erste g des Abschnitts ein ffff, zusammen mit einem tenuto-Strich. Darauf folgen, verteilt über den gesamten Abschnitt, acht weitere Noten mit den gleichen Angaben – sie bilden eine gleichmäßige Kette von Impulsen im Abstand von jeweils 14 Sechzehntel-Quintolen (zwei davon tragen fff statt ffff – ein Versehen?). Für das zweite g ist ppp vorgegeben, und ebenfalls ein tenuto-Strich. Es ist der Beginn einer Kette von acht identisch bezeichneten Noten im Abstand von jeweils 31 Zweiunddreißigstel-Quintolen.
Von besonderer Bedeutung
Auf diese Weise stellt sich heraus, dass die gesamte Passage im Wesentlichen aus der Überlagerung zahlreicher gleichmäßiger Impulsketten besteht. Übersetzt man die metrischen Abstandslängen der einzelnen Ketten in absolute Tempi, so ergeben sich Werte, die gerundet gerade denen der Grundreihe der Monologe entsprechen. Hier handelt es sich also um eine besondere radikale Realisierung dieser Grundreihe von Tempowerten, wie sie nach dem Verfahren von Stockhausen aus der dem Werk zugrundeliegenden Allintervallreihe gewonnen wurde: Keinerlei zusätzliche Elemente, nicht die kleinste Variation in Tonhöhe und Rhythmus lenken davon ab. In seiner Konzentration und Reinheit stellt dieser Abschnitt einen wichtigen Höhepunkt in den Monologen dar. Dementsprechend war Zimmermann die präzise Ausführung besonders wichtig, sodass er die Notwendigkeit der großen spieltechnischen Schwierigkeiten vor den Pianisten der Uraufführung rechtfertigte:
„Eine Stelle wird vermutlich ganz besonders schwierig zu spielen sein, und zwar handelt es sich da über 28 Takte lang um die Repetition eines g in verschiedenster Dynamik: diese Stelle ist das Ergebnis einer gleichzeitigen Übereinanderschichtung der verschiedensten g-Zeiten und hat kompositorisch gerade in der ,Monotonie‘ eine besondere Bedeutung als Vorbereitung auf die darauffolgende Bündelung der Zitate.“



