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…und erlöse uns von dem Bösen…

Das Zitat stammt wieder aus Olivier Messiaens Zyklus L’Ascension („Die Himmelfahrt“): Diesmal aus dem vierten Satz Prière du Christ montant vers son Père, also dem „Gebet des zu seinem Vater auffahrenden Christus“.

Der extrem langsame Satz hat – im Einklang mit dem Titel – kontemplativen und zugleich feierlichen Charakter. Sein vielfach wiederholtes Hauptmotiv besteht aus einer Folge von sechs aufsteigenden Akkorden: Die ersten fünf Akkorde sind harmonisch komplex und durch chromatische Aufwärtsbewegungen der einzelnen Stimmen geprägt; mit dem letzten Akkord, dem Höhepunkt, löst sich die harmonische Spannung mit befreiender, ja ,erlösender Wirkung. Und um „Erlösung“ geht es auch im letzten Gebet Jesu vor dessen Kreuzigung, auf das sich der Titel des Satzes bezieht (Joh. 17,1-26).

Überraschend harmonisch

Das akkordische Motiv von Messiaen kombiniert Zimmermann hier mit einem weiteren Choralvorspiel von Johann Sebastian Bach, nämlich Vater unser im Himmelreich BWV 682. Die beiden Zitate ergänzen sich gegenseitig in überraschend harmonischer Weise: Zimmermann schreibt für beide Stimmen das gleiche, musikalisch adäquate Tempo vor, sodass sich kein metrischer Konflikt ergibt. Messiaens Akkorde mischen sich zunächst fast unmerklich unter den dreistimmigen Satz des Choralvorspiels, mit ihrer dynamischen Steigerung treten sie dann allmählich in den Vordergrund. Wegen der verwandten Tonalitäten – h-moll und G-Dur – ergeben sich dabei keine scharfen Reibungen. Und die mit einem Auftakt beginnende, in sechs Stufen aufsteigende Akkordlinie scheint zuvor von der schrittweise aufsteigenden Oberstimme am Beginn des Bach-Zitats vorweggenommen zu werden, wenn auch im doppelten Tempo und mit Vorhalten ausgeschmückt.

Eine Bitte um Erlösung

Allerdings vermittelt Vater unser im Himmelreich für sich genommen einen Eindruck von Rastlosigkeit und Schwermut, ganz im Gegensatz zu Messiaens Prière du Christ montant vers son Père.

Dass Zimmermann gerade diese beiden Werke wählt, liegt wohl nicht nur daran, dass sie in dieser Kombination geradezu miteinander zu verschmelzen scheinen, sondern auch an einer Gemeinsamkeit der Textgrundlagen, auf die sich die beiden Stücke beziehen: Der Text des Kirchenlieds Vater unser im Himmelreich ist eine Erweiterung des Vaterunser, gegen Ende dieses wohl bekanntesten christlichen Gebets steht die Zeile „sondern erlöse uns von dem Bösen“. Eine sehr ähnliche Bitte formuliert Jesus auch in seinem Abschiedsgebet: „Aber ich bitte dich, sie [die Apostel] vor dem Bösen zu bewahren.“ Die Bitte um Erlösung bzw. Bewahrung vor dem Bösen schien für Zimmermann besondere Bedeutung zu haben: In seiner monumentalen Oper Die Soldaten bildet die entsprechende Zeile des lateinischen Vaterunser das dramatische Schlusswort.

Rätselhaftes Nachspiel

Nach dieser bedeutungsvollen Zitatkombination folgt noch ein kurzer Schlussteil, der in seiner Leichtigkeit und Flüchtigkeit einen maximalen Kontrast zur vorangegangenen Passage bildet: Ein Motiv aus Tonrepetitionen, das an frühere Abschnitte aus dem dritten Monolog – insbesondere das rubato-Solo in Track 8 – anknüpft, wird in hohem Tempo, kurzer Artikulation und überwiegend leiser Dynamik mehrfach von sich selbst überlagert. Dazu treten kleine Vorschlagfiguren, die ebenfalls an bereits Gehörtes erinnern. Die ungewöhnliche Vortragsbezeichnung bucòlico („bukolisch“, d.h. idyllisch, schlicht, das Hirtenleben betreffend) erscheint im Zusammenhang mit der Rasanz und der Komplexität der Passage rätselhaft. Ist dies die musikalische Erfüllung der zuvor erbetenen Erlösung – oder nur ein Nachspiel, das das schwere Gewicht der Zitatpassage relativieren soll?