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Gleichzeitig zwar…

In diesem Abschnitt nehmen die beiden Klaviere sehr unterschiedliche Rollen ein – doch in der Mitte findet ein Rollentausch statt.

Klangliche Gegensätze

Klavier 1 spielt regelmäßige legato-Figuren in den Basslagen und erzeugt so einen dunklen Klangteppich, der durch Vorschläge und einzelne Triller eine lebendige Textur erhält; nur zweimal wird er jeweils von einem massiven Akzent im hohen Diskant unterbrochen. Klavier 2 präsentiert dagegen einzelne markante und schnellere Figuren in den Diskantlagen, die sich aus einem Vorrat von nur sechs verschiedenen Tönen zusammensetzen. Durch die kurze Artikulation quasi spiccato e saltando (deutlich getrennt und hüpfend) sowie Vorschläge drängt sich ein sprunghaftes, fast humorvolles Charakterbild auf. Beide Klaviere spielen parallel in gleichmäßigen Quintolen (d.h. Unterteilungen metrischer Einheiten in Fünftel), allerdings sind für die beiden Partien unterschiedliche Tempi vorgeschrieben, nämlich Viertel = 60 versus Viertel = 63 bpm (Schläge pro Minute) – durch die knappe Differenz ergibt sich eine komplizierte metrische Verschiebung.

… doch nicht immer zur gleichen Zeit

Diese zwei Werte sind nicht zufällig gewählt: Der Komponist Karlheinz Stockhausen hatte wenige Jahre zuvor ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die serielle Organisation einer Komposition auf zeitliche Strukturen erweitern lässt. Dafür konstruierte er aus einer Zwölftonreihe eine zwölfteilige Reihe an Zeitwerten bzw. Tempi, die jeweils durch präzise Metronomzahlen definiert sind. Dieses Verfahren wandte Zimmermann bei der Komposition der Monologe an, wobei er einen besonderen Reiz darin sah, verschiedene dieser Tempowerte gleichzeitig erklingenden Klangschichten zuzuweisen.

So spielen im Laufe der Monologe die beiden Pianisten zeitweise in ganz verschiedenen Tempi ,aneinander vorbei‘, was durchaus der Intention des Komponisten entspricht: In Zimmermanns eigenen Worten handelt es sich hier nämlich um „wirkliche Monologe dieser Pianisten, die gleichzeitig zwar und am selben Ort, doch nicht immer zur gleichen Zeit spielen, obwohl sie gleichzeitig beginnen und aufhören“.

Musikalische Kommunikation

Dennoch treffen in diesem Abschnitt die verschobenen Metren der beiden Klaviere an einem Punkt zusammen, und genau hier findet der ,Rollentausch‘ statt. Dieser Kunstgriff ist wohl so alt wie die Geschichte unserer Besetzung selbst: Beispielsweise in Mozarts bekannter Sonate für zwei Klaviere in D-Dur KV 448 wird er unzählige Male genutzt, wenn ein Klavier die führende Melodiestimme vom anderen übernimmt, und sich die Rolle der Begleitstimme entsprechend in die umgekehrte Richtung überträgt. Einerseits entsteht auf diese Weise ein räumlicher Klangeffekt allein dadurch, dass das gleiche musikalische Material nun von einer anderen Schallquelle aus erklingt; andererseits ergibt sich durch die Übergabe eines Motivs von Musiker*in zu Musiker*in eine vielschichtige Art der ,Kommunikation‘, die Imitation bzw. Nachahmung beinhaltet, aber auch Beantwortung, Infragestellung, Unterbrechung und vieles mehr. Diese Kommunikation ist für Kammermusik insgesamt essentiell, so auch für das Klavierduo.

In diesem Licht wirkt der Titel Monologe für eine Komposition für zwei Klaviere paradox. Zimmermann sieht darin allerdings keinen Widerspruch, denn in seinen Worten „werden Zwiegespräche oder tausendfache Kommunikationen zu Monologen, die über Zeiten und Räume hinweggreifen und in Zwiegesprächen und tausendfachen Kommunikationen Monologe bleiben“.