Veni creator spiritus

Eine musikalische Anrufung des Heiligen Geistes

Gregorianische Choräle gehören zu den ältesten überlieferten Musikwerken der Geschichte. Über die Entstehung dieser nach Papst Gregor dem Großen (ca. 540-604) benannten einstimmigen liturgischen Gesänge ist wenig bekannt; spätestens im 8. Jahrhundert, lange vor der Entwicklung einer präzisen Notenschrift, verbreiteten sie sich beiderseits der Alpen. Die lateinischen Texte entstammen meistens der Bibel; eine Ausnahme bilden die sogenannten Hymnen, frei gedichtete lateinische Strophenlieder, die ebenfalls in den Gottesdienst integriert wurden.

Gebet zum Pfingstfest

Bei Veni Creator Spiritus (Komm, Schöpfer Geist) handelt es sich um einen solchen Hymnus. Wahrscheinlich wurde er ursprünglich vom Benediktinermönch Hrabanus Maurus (ca. 780-856) verfasst, der als Gelehrter am Hof Karls des Großen, Abt des Klosters von Fulda und Erzbischof von Mainz wirkte. Das Gebet richtet sich direkt an den Heiligen Geist und steht daher in Zusammenhang mit dem Pfingstfest, dem Fest der Aussendung des Heiligen Geistes. Die sieben Strophen beziehen sich auf die sieben Geistesgaben: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Erkenntnis, Stärke, Rat, Verstand und Weisheit. In der deutschen Übersetzung von Heinrich Bone, die heute im katholischen Gotteslob zu finden ist, lauten sie:

Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein,
besuch das Herz der Kinder dein:
Die deine Macht erschaffen hat,
erfülle nun mit deiner Gnad.

Der du der Tröster wirst genannt,
vom höchsten Gott ein Gnadenpfand,
du Lebensbrunn, Licht, Lieb und Glut,
der Seele Salbung, höchstes Gut.

O Schatz, der siebenfältig ziert,
o Finger Gottes, der uns führt,
Geschenk, vom Vater zugesagt,
du, der die Zungen reden macht.

Zünd an in uns des Lichtes Schein,
gieß Liebe in die Herzen ein,
stärk unsres Leibs Gebrechlichkeit
mit deiner Kraft zu jeder Zeit.

Treib weit von uns des Feinds Gewalt,
in deinem Frieden uns erhalt,
dass wir, geführt von deinem Licht,
in Sünd und Elend fallen nicht.

Gib, dass durch dich den Vater wir
und auch den Sohn erkennen hier
und dass als Geist von beiden dich
wir allzeit glauben festiglich.

Dem Vater Lob im höchsten Thron
und seinem auferstandnen Sohn,
dem Tröster auch sei Lob geweiht
jetzt und in alle Ewigkeit.

Über 1000 Jahre Musikgeschichte

Die heute überlieferte Melodie des Hymnus entstand wohl rund 200 Jahre nach dem Text. Seitdem wurde sie in zahllosen Musikwerken aufgegriffen, von mittelalterlichen Motetten über barocke Choralvorspiele bis hin zur Verarbeitung in Gustav Mahlers achter Sinfonie. Auch im 20. und 21. Jahrhundert nehmen vokale und instrumentale Kompositionen verschiedenster Art Bezug auf Veni Creator Spiritus: Ein Grund liegt sicherlich in der naheliegenden Assoziation des Schöpfergeistes mit menschlicher Kreativität und künstlerischer Inspiration – wie schon Johann Wolfgang von Goethe bemerkte: „Der herrliche Kirchengesang »Veni Creator Spiritus« ist ganz eigentlich ein Appell ans Genie; deswegen er auch geist- und kraftreiche Menschen gewaltig anspricht.“

Überwindung aller Grenzen

Zimmermann zitiert Veni Creator Spiritus nicht nur in den Dialogen und den Monologen, sondern auch in einigen anderen Werken, etwa in seiner Oper Die Soldaten und dem Orchesterprélude Photoptosis. Dabei erscheint die Choralmelodie meist als Bestandteil von Collagen, in denen Zitate verschiedenster Epochen und Stilrichtungen zusammentreffen. Warum aber wählte Zimmermann immer wieder genau diesen Hymnus aus? In einer Forschungsarbeit zu den Dialogen argumentiert Ralph Paland, dass Veni creator spiritus als Anrufung des Heiligen Geistes auf das Pfingstereignis der Apostelgeschichte anspielt: Dort wird die Sprachverwirrung, die seit dem alttestamentlichen Turmbau zu Babel (Gen. 11,1-9) auf der Welt herrschte, durch den heiligen Geist vorübergehend aufgehoben.

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“ (Apg. 2,1-11)

So wie hier zum Erstaunen der Menschen eine Verständigung über Sprachbarrieren hinweg möglich wird, so treten im fünften Monolog verschiedenste „Zeit- und Erlebnisschichten“ in Interaktion. Sogar die Zitate von Mozart und Debussy scheinen ihre epochalen stilistischen Differenzen zueinander – und zu Zimmermanns Musik – zu überwinden und sich miteinander zu einer pluralistischen Einheit zu verbinden…