Serialismus

Den Monologen liegen serielle Kompositionsverfahren zugrunde, die eine Erweiterung der Zwölftontechnik darstellen.

In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatten Komponist*innen in ganz Europa die Grenzbereiche der traditionellen und über Jahrhunderte gewachsenen Dur-Moll-Tonalität erprobt, einige hatten dieser bereits gänzlich den Rücken gekehrt. Nun stellte sich die Frage nach alternativen Systemen, die die bisher gültigen Regeln der Harmonielehre als Ordnungsprinzip ersetzen konnten; gleichzeitig sollte ein Rückfall in alte Konventionen konsequent verhindert werden. Als bekannteste Antwort darauf gilt die Zwölftontechnik, die sich um 1920 vor allem in Wien entwickelte. Ihr bekanntester Vertreter und selbsternannter ,Erfinder war Arnold Schönberg (1874-1951), doch andere Komponisten der sogenannten Zweiten Wiener Schule wie Anton Webern und Alban Berg lieferten ebenso wichtige Beiträge.

Die Zwölftontechnik

Der Begriff Zwölftontechnik bezeichnet das Verfahren, ein Musikstück auf Basis einer sogenannten Reihe von zwölf Noten zu komponieren. Diese Reihe muss jeden der zwölf Töne der chromatischen Skala genau einmal enthalten, daher spricht man auch von einer Zwölftonreihe. Enharmonie (d.h. verschiedene Varianten der Notation einer absoluten Tonhöhe) sowie Oktavlage der Noten spielen dabei keine Rolle. Aus einer Reihe können durch bestimmte Transformationen weitere Reihen generiert werden: Die Umkehrung der Reihe, d.h. die horizontale Spiegelung (Intervalle aufeinanderfolgender Noten werden jeweils durch dieselben Intervalle in die entgegengesetzte Richtung ersetzt, z.B. eine kleine Terz aufwärts durch eine kleine Terz abwärts); den Krebs, d.h. die vertikale Spiegelung (die Reihe wird rückwärts gelesen); und die Krebsumkehrung, d.h. die Umkehrung des Krebses der Grundreihe. Diese Varianten können zudem allesamt um jedes beliebige Intervall transponiert werden (d.h. jede Note wird um dieses konstante Intervall erhöht oder erniedrigt). Wenn man bemerkt, dass der Krebs der Umkehrung der Grundreihe einer Transposition der Krebsumkehrung entspricht, so kann man herleiten, dass diese Verfahren im Allgemeinen 48 verschiedene Varianten der Reihe erzeugen; in manchen Fällen sind es sogar nur 24 verschiedene Varianten.

Komponieren mit einer Zwölftonreihe

Bei der Komposition eines Musikstücks mit der Zwölftontechnik wird zunächst eine Zwölftonreihe als Grundreihe fixiert und alle oben beschriebenen Transformationen bzw. Varianten dieser Reihe ermittelt. Prinzipiell sollen nun nacheinander die Töne der Grundreihe und verschiedener Varianten davon erklingen, in der jeweils festgelegten Reihenfolge. Damit wird insbesondere verhindert, dass gewisse Töne anderen gegenüber ,bevorzugt auftreten: Alle zwölf Noten der chromatischen Skala werden gleichwertig behandelt. Oktavlage und Länge der Noten, der Rhythmus und andere Parameter der Musik können dabei frei gewählt werden. Allerdings ist es sowohl möglich, mehrere Töne einer Reihe zusammen erklingen zu lassen, als auch, verschiedene Reihenformen in verschiedenen Stimmen parallel zu verarbeiten, und sogar, die Verarbeitung einer Reihe zu unterbrechen und erst später im Stück zu vervollständigen. So ergeben sich große Freiräume, die einfallsreich genutzt werden können; für Betrachter dagegen ist es deshalb oft kaum möglich, die zwölftönige Konstruktion nachzuvollziehen.

Serielle Kompositionstechniken

Um 1950 verbreitete sich der Ansatz, die Idee der viel genutzten Zwölftontechnik zu erweitern und auch andere Parameter der Musik wie die Oktavlage der Noten, deren Länge, Dynamik und sogar Artikulation seriell – d.h. auf Grundlage von Reihen – zu organisieren. Im Extremfall wurde auf diese Weise praktisch die gesamte Komposition bereits durch die Wahl des Verfahrens und der Grundreihen festgelegt, sodass im Kompositionsprozess Entscheidungen unter Berücksichtigung des persönlichen Geschmacks oder kreativer Einfälle kategorisch ausgeschlossen wurden. Beispiele hierfür sind Olivier Messiaens Etüde für Klavier Mode de valeurs et d’intensités und Pierre Boulez’s Structures für zwei Klaviere.

Die Grundreihe der Monologe

Zimmermann setzte sich ähnlich intensiv wie viele seiner Zeitgenossen mit diesen Kompositionstechniken auseinander, und auch die Dialoge bzw. die Monologe entstanden auf Basis serieller Konstruktionen. Ihnen liegt die folgende Zwölftonreihe zugrunde:

Hier handelt es sich um eine Allintervallreihe, d.h. eine Zwölftonreihe, in der unter den elf Intervallen aufeinanderfolgender Noten jedes – von der kleinen Sekunde bis zur großen Septime – genau einmal auftritt. In der ersten Darstellung der Reihe sind alle Intervalle aufsteigend angeordnet, sodass sich von der ersten bis zur letzten Note ein enormer Tonumfang ergibt; in der zweiten Darstellung wurden alle Intervalle größer einer Quarte umgekehrt, sodass sich eine Version mit dem minimalen Umfang einer großen Septime ergibt. Diese Allintervallreihe hat außerdem die besondere Symmetrie-Eigenschaft, dass sie identisch mit einer Transposition ihres Krebses ist, sodass auch ihre Umkehrung einer Transposition ihrer Krebsumkehrung entspricht. Deshalb ergeben die oben beschriebenen Transformationen der Reihe nur 24 verschiedene Varianten.

Erklingen die zwölf Töne der Reihe in ihrer ersten Darstellung zusammen, so erhält man einen Allintervallakkord. Der Tonvorrat, der im ersten Abschnitt der Monologe zum Einsatz kommt, konzentriert sich auf diesen Akkord und seine Umkehrung. Hier ist die Oktavlage der einzelnen Reihen- bzw. Akkordtöne festgelegt, jedoch nicht deren Reihenfolge. Dies zeigt, dass der serielle Gedanke die Strenge der Zwölftontechnik nicht notwendigerweise verschärfen muss: Die Festlegung einzelner Parameter kann als Möglichkeit aufgefasst werden, andere, wie z.B. die Reihenfolge der Töne, frei zu handhaben.